Texte




Harald Floss

Auszug aus der Rede vom 12.03.2017 im Zehntscheuer, Rottenburg

Gerlinde Zantis arbeitet vor allem in Südfrankreich, z.B. im Gard und der Ardèche, aber auch in Burgund und der Haute Saône, sämtlich Gebiete – und das ist wirklich ein unwahrscheinlicher Zufall – die meine eigenen archäologischen Arbeitsgebiete sind. Die Arbeiten von Zantis sind trotz ihrer malerischen Note keine Malereien, sondern Zeichnungen, sie zeichnet sozusagen Gemälde, die großformatigen Arbeiten sind Pastelle, einige kleinere sind auch mit Farbstiften realisiert. Nur zum Teil sind sie unter Museumsglas gerahmt, bei den meisten liegen die Pastelle frei und sind somit trotz einer gewissen Fixierung fragil und der Gefahr der Beschädigung ausgesetzt. Die Arbeiten sind nicht schwarz-weiß, sondern farbig angelegt. Auch das sieht man oft erst auf den zweiten Blick. Es sind auch keine fotorealistischen Bilder, auch wenn auch dies vielleicht erst so wirkt. Bilder knapp neben der Realität. Umso interessanter empfinde ich den Umstand, dass Gerlinde Zantis auch viele gemeinsame Projekte mit dem Fotographen Michael Dohle durchgeführt hat, der Fotos mit zum Verwechseln ähnlichen Themen ausstellt. Eine für mich zugegebenermaßen gewagte Kombination, die aber auch die Spezifizität der Arbeiten der Zeichnerin verdeutlichen kann. Gerlinde Zantis fertigt im Gelände Skizzen und Fotos an. Berühmt ist ein Bild, auf dem man sie auf dem Dach ihres Autos beim Skizieren sieht, wie eine Tierfilmerin, die von einem Hochsitz aus Vögel im Rhônedelta beobachten mag. Im Atelier werden die Bilder dann auf Basis der Geländebeobachtungen erstellt, aber die Zeichnungen folgen dann nur zum Teil den im Gelände aufgenommenen Details. Sie verändert; manches, seien es Bäume oder Fensterläden, wird weggelassen oder hinzugefügt, die Perspektiven werden übersteilt. Gerlinde Zantis zeichnet Landschaften, Wälder, ausgetrocknete Flussbette, dörfliche Weiler, alleinstehende Höfe, unspektakuläre, leere, zum Teil belanglos wirkende Landschaften. Sie erzählte mir, dass die reellen Bewohner ihrer südfranzösischen Dörfer ihr zu Hause zum Teil in den Bildern wiedererkennen, zum Teil aber auch mit Befremdung nicht. Zantis Landschaften erinnern zum Teil an ungute fahle, irgendwie surreale Architekturen eines Giorgio De Chirico. Sie schafft Bilder der Leere und der Stille. Ich selbst kenne diese südfranzösischen Landschaften sehr gut, die zunächst nach Lavendel und Feigen riechen und vordergründig viel zu schön sind, um kreativ sein zu können. Zantis gelingt es aber gerade hier, das Verborgene, vielleicht auch das Unheilvolle aus diesen Landschaften herauszukitzeln. Sie hat es in Andalusien versucht und dort hat es nicht geklappt, zu grell, zu plakativ, vielleicht auch zu klischeehaft die weißen Dörfer. In einem ehemaligen Ausstellungstext zu Zantis wurde geschrieben, dass diese Bilder nicht mit einer unbehaglich lauernden Stimmung aufgeladen seien. Das habe ich ehrlich gesagt anders empfunden. In diesem alten Text heißt es weiter „Die Wirkung der Bilder hat etwas von der Harmlosigkeit eines Polizeifotos, das sachlich einen gewöhnlichen Tatort dokumentiert, der nicht direkt Unbehagen erzeugt“. Aber spricht es nicht Bände, dass man mit den lieblichen Landschaften Südfrankreichs überhaupt Tatorte assoziiert? Ich tue das übrigens ganz ehrlich auch, ich arbeite oft in der Gegend, ich kenne genau diese Art von Motiven, schleiche bei der Suche nach geologischen Proben durch ausgetrocknete Flussbetten. Und wie oft ist es mir so gegangen, dort unter jeder Brücke und an jedem Abwasserrohr zu fürchten, auf das Verbrechen oder das Grauen zu stoßen. Heiße, viel zu heiße Sommer, in denen vieles passieren kann. Potentielle Tatorte, anything might happen there (Titel einem ehemaligen Ausstellungskatalog entnommen). Auch auf der Schwäbischen Alb geht mir dies übrigens manchmal so. Kahle, unwirtliche Dörfer, in denen man sich fragt, was sich hinter diesen Mauern wohl verbergen mag. Dörfer, die nicht zum Verweilen einladen und wo Herbergen für Reisende deshalb auch „Fremdenzimmer“ heißen.

So sind die Bilder von Gerlinde Zantis also letztlich innere Bilder, Sehnsüchte, die nach außen kippen. Ein Bildtitel von ihr lautete „nie da gewesen“. Ja, schützen muss man sich ja irgendwie auch.

© Harald Floss, harald.floss@uni-tuebingen.de


Potentielle Tatorte

wegsame Zeichnungen von Gerlinde Zantis

Die Lichtverhältnisse in Südfrankreich haben viele Maler fasziniert und ihre Schauplätze sind heute Tourismusmagneten. Licht und Schatten prägen auch die mit Graphit, Farbstift und Pastell gezeichneten Arbeiten von Gerlinde Zantis, die sich seit vielen Jahren in das touristisch nicht sonderlich erschlossene Südostfrankreich aufmacht. In den Titeln ihrer Bilder schlagen sich neben den Nummern der Départments Ardèche, Drôme, Gard und Lozère oft einfach nur Orts- und Gemarkungsnamen aus jener Region nieder, in denen sie ihre Bildthemen findet.

In mehrfacher Hinsicht sind ihre Zeichnungen außergewöhnlich. Kaum jemand sonst zeichnet so große Bildformate derart atmosphärisch eigen und gegen den Strich der klassischen realistischen Zeichnung. Sie schichtet, schabt, radiert und glättet und durch verreiben von Graphit und Farbpigmenten gibt es selten Konturlinien. Solche Arbeitsspuren und -strukturen verschaffen ihren Werken Verweildauer beim Betrachten.

Trotz einer Lichtskala, die vom Dämmerlicht bis zum Schlagschatten reicht, kommen ihre undramatisch hellen Bilder mondlichtfahl und beinahe unscheinbar daher. Das liegt auch an der kargen, kaum technisierten Gegend, deren Hügel, Pflanzen und Gebäude wenig Besonderes bieten. Umso mehr geht der Reiz der Bilder von der besonderen Zeichenweise aus.

Die menschenleeren Dorf- und Naturgefilde bieten einen realistischen Einstieg in eine vertraute Fremde. Man sieht glaubhafte Gebäudestrukturen, ist aber nicht mit weiteren Lebenszeichen konfrontiert. Kein Mond weckt romantische Gefühle. Keine komplizierte Architektur zeigt Präsenz, sondern leicht bollwerkhaft wirkende Gehöfte oder Häuserensembles ohne nostalgischen Heimatappeal, die in ihrer Schlichtheit und Rechtwinkligkeit minimalistisch wirken, akzentuiert durch Fensteröffnungen, Balkone und fleckige Wände. Eine durchaus vom dörflichen Alltag gestaltete, aber nicht offensichtlich von der Gegenwart geprägte Gegend.

Die Landschaftszeichnungen mit ihren Erdkrumen, Wiesen, Bäumen, Sträuchern und undurchdringlichem Dickicht weisen mitunter einen eher informellen Charakter auf. Der Lichteinfall durch die Blätterkronen flirrt auf dem steinigen Boden als körniges Streumuster aus hellen und dunkleren Reflexen und wird vom Eigenleben des Geflechts der Äste und Zweige konstruktiv überwölbt.

Die verschiedenen Lichtintensitäten der Häuserwände in Ortschaften und Weilern erzeugen malerisch strukturiertes und realistisch motiviertes Flächenarrangement. Die Lichtdifferenzkanten ersetzen als vielfach gerichtete Vektoren die fehlenden Konturlinien. Wucherndes Unkraut an Gebäudekanten und sonstige Vegetation verschleiert die Flächenanbindungen. Banales und leicht Schmutziges, Schattierungen und Feuchtigkeitsflecken suggerieren Natürlichkeit. Belassenes und Gelassenes bilden die Basis, Erfundenes mischt sich ein und Arbeitsspuren machen aus dem Bild etwas unabweisbar Geschaffenes.

Durch das Medium der Zeichnung findet eine unvermeidbare Vereinheitlichung, Vereinfachung oder Umformung der vorgefundenen Oberflächenmaterialitäten von Architektur und Natur statt. In den letzten Jahren bindet Gerlinde Zantis zusehends auch farbige Partien neben den bis dahin dominanten Grauwerten mit ein und entbindet sich auf diese Weise der Nüchternheit analytischer Darstellung. Farbe wird zart hineingesetzt ohne die Stimmungslage zu stören, die Stille und Gelassenheit transportiert. Fahles Dächerrot von Ansiedlungen und seichter Dunst über Landschaften verhindern malerische Unterkühlung und ein ernüchtertes Dichtmachen der Aufmerksamkeit. Man ist anwesend.

Die eigentümlichen Bühnenräume der Bilder haben Anflüge von der Konstruiertheit der Pittura Metaphysica De Chiricos, aber sie sind nicht surreal verfremdet und auch nicht mit einer unbehaglich lauernden Stimmung aufgeladen. Die ausgewogene Komposition führt meist durch leichte Diagonalen und Fluchtungen über Wege in die Bildräume, in denen man mit den Augen weiterwandern kann. Das jüngste Bild [Titel] lässt diesen Weg für den Betrachter auf einer steilen Hangfläche besonders anstrengend erscheinen. Der Horizont wird in den Bühnenräumen der verschachtelten Orte oder von Wegen durchzogenen Landschaften häufig verdeckt. Im Typus von Renaissanceporträts taucht Ferne gelegentlich als Ausblick am Rande auf. Räumlichkeit, die neben der Lichtwirkung das markanteste und entscheidende Wirkpotential der Bilder ist, wird so vertieft und in einem kulissenhaften Terrain überschaubar gestaffelt. Der Blick soll nicht der Tiefe, sondern der Nähe gelten.

Die Wirkung dieser Örtlichkeiten, die allerorts sein könnten, ist weder pittoresk, noch magisch verfremdet, zieht aber doch mit wolkenarmem Zwielicht in den Bann. Sie hat etwas von der Harmlosigkeit eines Polizeifotos, das sachlich einen gewöhnlichen Tatort dokumentiert, der nicht direkt ein Unbehagen erzeugt.

Zunächst jedenfalls, dann setzt man mit kleinen Vermutungen an, sieht verbarrikadierte oder dunkle Fenster, glaubt mehr Verlassenheit als Mittagsruhe in den menschenleeren Gefilden wirksam. Es wohnen wahrscheinlich Menschen an den Orten, aber man sieht sie nicht. Man beginnt eigene Erwägungen und Ahnungen von potenziellen Geschehnissen hinzuzufügen und sich in Gedanken dort einzufinden, ohne Geborgenheit oder Unbehagen zu empfinden. Es wächst in einem die spannungsvoll mitfiebernde Unruhe heran, die man vom Lesen eines Kriminalromans kennt. Es sind beiläufige Orte im Dorf, im Wald und auf offener Strecke, an denen man beim Spazierengehen unaufmerksam vorbeigeht oder nur kurz Atem holt und doch sind sie aufgeladen mit Erwartungen. Noch unbelastet ungewiss bleiben die meisten Wege ohne klares Ende. Man ist unterwegs und verharrt getrost – in einer leichten Vogelperspektive. Gerlinde Zantis zeichnet mitunter auf dem Autodach, um mehr Aufsichtsfläche zu gewinnen.

Die Arbeiten repräsentieren eine Idee und Empfindung von Landschaft oder Dorfschaft, die aus mehr besteht, als dem äußeren Anschein und intensivieren diese Erfahrung in einer Art Bühnenraum; realitätsnäher als eine Theaterkulisse oder ein ähnlich aus der Wirklichkeit herausgelöster Erfahrungsort. Weniger ein Handlungsraum, als eine Stätte fürs Dasein. Nicht nachgeahmte, sondern erfinderisch gebannte Natur wird bildhaft, die statt Extravaganzen die schlichte Existenz spüren lässt.

Dirk Tölke


Wolfgang Becker

Der “Paragone”. Zu den Diptychen von Zeichnungen und Fotografien
von Gerlinde Zantis und Michael Dohle

Vor 1830 waren es nicht Fotografen, sondern Zeichner, die Insekten unter Mikroskopen und Sterne über Teleskopen zeichneten, Expeditionen und Kriegszüge, Schlachten und Krönungen dokumentierten und Reisebeschreibungen in bebilderten Foliobänden als “Voyages Pittoresques” herausgaben. Heute gibt es sie nur noch in Gerichtssälen, wo Fotografen nicht zugelassen sind.

Es gibt freilich bis heute Zeichner als Künstler, und unter den Künstlerinnen bewundere ich zwei: Vija Celmins in Venice/Kalifornien, die nach eigenen Fotos große Graphitbilder des pazifischen Ozeans herstellt, und Gerlinde Zantis in Aachen, die in ihren Graphit- und Pastellzeichnungen Landschafts- und Häusermotive aus den kaum bewohnten Hochebenen im Département Lozère in Frankreich bearbeitet.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Künstler nach eigenen oder fremden Fotografien zeichnen oder malen. Deren Coke hat darüber ein ausführliches Buch geschrieben “The Painter and the Photograph from Delacroix to Warhol”. Celmins und Zantis verbindet aber eine ungewöhnliche Nähe zwischen Foto und Zeichnung, so dass man das eine nicht ohne das andere denken kann.

Ungewöhnlicher als der Maler, der fotografiert, ist freilich der Fotograf, der malt oder der seinen Fotoarbeiten den Anschein von gemalten Bildern gibt. Michael Dohle habe ich 2010 in einer kleinen Ausstellung zu Gedichten von Herta Müller und Oskar Pastior “Atemschaukel Aufheizkörper” kennen gelernt und verwundert ein Landschaftsdiptychon und einige große Fotoabzüge angeschaut, die nicht wie Fotografien aussahen.

Wohlan, lassen wir uns auf einen Wettkampf der Medien, einen Paragone ein, wie ihn die Künstler um Leonardo, Michelangelo und Vasari ausgefochten haben zwischen der Skulptur, die nur eine “fatica del corpo”, Schweiß und Schwielen verursacht, und der Malerei, die die “fatica di mente”, die Ermüdung nach geistiger Arbeit herbeiführt. Andreas Schnitzler hat in einem Buch die “Relevanz der Paragone-Frage” ins 20. Jh. getragen. Uns geht es hier um den “fotografischen Zeichner” gegen den “zeichnenden Fotografen”.

Es ist eine Langzeitstudie, denn Gerlinde Zantis und Michael Dohle reisen seit zehn Jahren regelmäßig gemeinsam in die Hochebene von Lozère, wenden sich also der gleichen Motivwelt zu. Die Orte sind spärlich bewohnt, topografisch strukturlos, von Wald- und Feldwegen umgeben. Sie erleben die Wohnhäuser und Schuppen im Sonnen- und Mondlicht, kräftig mit starken Schlagschatten oder gedämpft. Beide fotografieren. Sie suchen nicht die gleichen Motive, aber es ist deutlich, dass sie eine verwandte Sensibilität der Wahrnehmung pflegen und eine Konsonanz oder Konkordanz in ihren Aufnahmen suchen.

Im Aachener Atelier, wo Gerlinde Zantis das eine oder andere ihrer Fotos in eine Zeichnung umsetzt, entsteht der “Paragone”, wenn Michael Dohle neben die Zeichnung eines seiner Fotos stellt. Wie nahe sollen sie sich kommen?

Der Betrachter wird zuerst das Opfer einer Täuschung, dann entdeckt er, dass er zwei Medien vor sich hat, die er anders zu betrachten gelernt hat: das alte, ehrwürdige, kostbare Medium der Zeichnung, das seine dokumentarische Glaubwürdigkeit abgegeben hat, und das populäre, allen zugängliche Medium des Fotos, das sie noch immer beansprucht. Ist er nicht gewohnt, in der Zeichnung die Virtuosität des Strichs zu suchen und im Foto nach der Schärfe zu fragen? Das eine für ein Kunstwerk, ein Unikat, das andere für einen vervielfältigten Konsumartikel zu halten?

Die Bilder kommen sich näher, seit Fotos nicht mehr auf Fotopapier entwickelt, sondern auf Papieren gedruckt werden, die ebenso einen Baumwollanteil haben wie die der Zeichnungen.

Der Paragone fordert gleiche Chancen für beide. Wer sie voneinander entfernt – etwa die Zeichnung gerahmt, das Foto aufgezogen -, betont ihre Andersartigkeit. Wer sie allzu sehr annähert – etwa beide kaschiert auf einer gemeinsamen Grundfläche -, verschleiert sie. Sollten sie gleich groß sein, weil Zeichner wie Fotograf behaupten, ihre Motive erlaubten jede Vergrößerung in ihrem Medium?

In einem Diptychon lassen sich zwei Bilder so zueinander ordnen, dass kompositorische Linien in einem sich im anderen fortsetzen. Mangelte es den beiden an dieser Konsonanz der Künstler in der Sensibilität ihrer Wahrnehmung, so wäre diese Zuordnung der Bilder erzwungen, so aber entsteht zwischen einer bleichen Hauswand und einem abgebrannten Kartoffelfeld eine aufregende Reibung, zwei Stimmungen geraten aneinander, die um nicht mehr als einen Halbton voneinander entfernt waren. In ihrer Medienverschleierung steigern sie den Ausdruck.

Man vergisst zu fragen, welches Medium denn für Darstellungen von Landschaft und ihre Stimmungen besser wäre, man ist geneigt, sich eine stereoskopische Brille vorzustellen, die in einem Auge eine Zeichnung, im anderen ein Foto trüge und einen dreidimensionalen Blick auf eine Landschaft erlaubte, in dem sich Foto und Zeichnung mischten. Gerlinde Zantis und Michael Dohle werden versuchen, sie herzustellen, obwohl es bisher nie ihr Ziel war, ein gleiches Motiv zu erfassen. Die Konsonanz, die sie schaffen, ist ein Ergebnis ihrer gemeinsamen Reise in eine Landschaft, die nicht die ihrer Heimat ist, einer Reise in die Fremde, in der sie als Freunde ihre Seherlebnisse vergleichen und entdecken, dass sie gleiche Stimmungen erzeugen. Die Werkgruppen, die nach diesen Reisen entstehen, sind Gruppen von Fotografien und Zeichnungen, die durchaus nicht immer, aber zuweilen Kombinationen erlauben, die sich schwer wieder auflösen lassen.


Wolfgang Becker

Zwielicht
Zu den neuen Bildern von Gerlinde Zantis

Seit vielen Jahren lebt Gerlinde Zantis in einem spitzwegischen Hinterhof inmitten der Stadt und arbeitet in einem kleinen, engen, hellen Atelier. Sie scheint sich darin nicht viel bewegen zu müssen, denn sie zeichnet auf Papieren beschränkter Größe und braucht nicht Raum wie ein Maler, der zurücktritt, um sein Bild ganz zu sehen. Aber die Formate sind größer geworden.

Die Chinesen ordnen das Malen mit nassen Pinseln dem weiblichen Yin, das Zeichnen mit „trockenen Pinseln“ dem männlichen Yang zu. Zwischen diesen Gegensätzen sucht Gerlinde Zantis eine merkwürdige Synthese etwa so: indem sie zeichnet, malt sie, oder: sie zeichnet Gemälde. Sie umreißt nicht Formen mit Linien, sie benutzt nicht die Härte des Stiftes, um klare, präzise Umrisse zu setzen, sondern sie reibt die Pigmente, die der Stift und das Kreidestück enthalten, in das Papier, sie schichtet, schabt, radiert und glättet. Zunehmend verwendet sie Pastellkreiden, in denen die Farbpigmente in Kaolin oder Harzen fixiert sind. Sie breiten sich auf den Papieren aus, ohne einzusinken. Die Oberflächen erhalten sich eine ungewöhnliche Empfindlichkeit, und das Licht bricht vielfältig auf den „sandigen“ Oberflächen.

Aber sie ist nicht die sesshafte Einsiedlerin, die zeichnend erfindet oder Träume malt, sie ist eine reisende Landschaftszeichnerin wie viele vor ihr – die Chinesen zeichneten und tuschten ihre pittoresken Ansichten seit alter Zeit auf geschöpfte Papiere, die Europäer zogen mit Zeichenblöcken und Staffeleien, mit Aquarellkästen und, seit Ölfarben in Tuben zu haben waren, mit Klappstaffeleien und Paletten hinaus in das „Great Outdoors“ – ehe sie begannen, Kameras mitzunehmen.

Sie fanden zueinander in Orten wie Fontainebleau und Barbizon in der Ile-de-France, Pont-Aven in der Bretagne oder Varengeville in der Normandie, Dachau in Bayern und Worpswede im Alten Land, in Wäldern und Sümpfen, an Seen und am Meer.
Gerlinde Zantis reist in Burgund, im Roussillon und im Languedoc auf der Suche nach unspektakulären, leeren Landschaften und unvertrauten anonymen Siedlungen in Orten wie Tintury-Fleury, Savoyeux und Barjac (wo Anselm Kiefer eine lange Zeit an einem großen „earthwork“ gearbeitet hat). Ihr Mann begleitet sie und oft der Fotokünstler Michael Dohle, mit dem sie zuweilen ausstellt, um Zeichnungen und Fotografien zu vergleichen.

Sie bildet diese Landschaften nicht ab, um auf ihre Besonderheiten aufmerksam zu machen – wie die Expeditionszeichner des 18. Und 19. Jahrhunderts, die ihre Blätter in großen Alben unter dem Titel „Voyage Pittoresque“ publizierten. Es könnte ihr aber gefallen, die Blätter in einem Museum des Languedoc-Roussillon auszustellen, in denen die Betrachter die ihnen vertrauten Landschaften suchen würden.

Sie würden sie nicht und zugleich würden sie viele finden, die ihnen gleichen. Denn ebenso die in die Tiefe geschwungenen Wege in oder am Rande von Wäldern wie die Schuppen, Scheunen und bis zu drei Stockwerken hohen Häuser könnten an vielen Orten sein. Sie macht keine Bestandsaufnahmen, sondern komponiert Ensembles: wechselt die Perspektiven, zeigt Unter- und Aufsichten (sie schaut auf sie vom Dach ihres Autos) und schneidet sie an. Sie „abstrahiert“, „entleert“ die Ansichten, „beleuchtet“ die Gebäude von hinten, „tüncht“ Bruchsteinhäuser und zögert, irgendeine Spur von Menschen (eine halb geöffnete braune Fensterklappe etwa) zu zeigen. Wir schauen in den Guckkasten einer Bühne, bevor das Stück beginnt.

Die Himmel sind wolkenlos und befremdend hell, widerscheinend bis zu Zwielicht, Dämmerung und Dunkelheit. Gerlinde Zantis hat sich erlaubt, in einem Titel „In Betrachtung des Mondes“ an das bekannte Bild von Caspar David Friedrich „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ zu erinnern – zu erinnern, denn nichts von jener romantischen Feier einer Männerfreundschaft im Angesicht eines kosmischen Schauspiels würde sie übertragen wollen außer jenem Licht – ohne Mond und ohne Menschen in einer leeren Szene.

Der berühmte japanische Dichter Basho schrieb vor 250 Jahren – übersetzt:

„The Moon is in the sky,
But if someone were absent,
The whole scene is empty –
The summer at Suma”

“Der Mond steht am Himmel,
Aber die Gegend ist leer,
Als sei jemand nicht da –
Sommer in Suma“

Der kalifornische Künstler James Turrell meint in einem Film über seine „Skyscapes“, dass das Auge des Menschen, der in Höhlen lebte, sich im Sonnenlicht nur unter Schutzbrillen und erst im Zwielicht ganz öffne, und der Mensch Bilder im Dämmerlicht am stärksten erlebe.

Gerlinde Zantis sucht dieses Dämmerlicht, schärft die Lichtkanten an den Häuserecken, hellt Wetterwände auf, bis sie blenden und setzt die stereometrischen Blöcke der Häuser in einen harten Kontrast zu den Büschen und Gräsern, die sie umgeben – die euklidische Ordnung des Menschen gegen das fruchtbare Chaos der Natur. Dabei entsteht der Eindruck, den Basho beschreibt: diesem Stern fehlt einer, der da war, er ist leer. Gerlinde Zantis nannte eine ihrer Ausstellungen „Nie dagewesen“.

Um das zu verstehen, stelle ich mir den Fotografen, der eine Landschaft aufnimmt, als einen extrovertierten Menschen vor, der sich von inneren Bildern befreit hat, um in der Außenwelt Bilder zu finden, und den Zeichner/Maler als einen introvertierten, der danach sucht, innere Bilder in die Außenwelt zu projizieren, deckungsfähige Äquivalente. Sind diese inneren Bilder der Gerlinde Zantis Sehnsüchte, so sucht sie Bilder der Leere angesichts der Überfüllung der Welt, Bilder der Stille angesichts ihres Lärms, Bilder leuchtenden Dämmers angesichts ihrer andauernden überflutenden Helligkeit. Und weil diese Farbpigmente in den Stiften und Pastellkreiden über der rauen Oberfläche der Papiere liegen, fangen sie Korn um Korn das Licht ein und bilden glitzernde Korpuskeln, die die Landschaften sanft verklären.

Der Tao-Philosoph Zhuangzi lässt Konfuzius sagen: „Ein Mensch vermag sein Spiegelbild nicht in fließendem Wasser zu sehen, aber im stillen Wasser sieht er es.“ Gerlinde Zantis ist 2013 nach Südspanien gereist und enttäuscht zurück gekehrt: die gekälkten Häuser in der Sonne waren zu weiß, Sand und Steine zu farblos. Die Spiegelbilder ihrer Seele sind im Languedoc gefangen, als wäre dort der Mond. Aber sie ist „nie da gewesen“.

Aachen, im November 2013


Talk Show

Eröffnungsrede zur Ausstellung “Talk-Show” im Kunstverein zu Frechen am 15.3.2013 von
Siegfried Reusch, Herausgeber des Journals für Philosophie “der blaue reiter”.

Kunst, meine Damen und Herren, lässt sich nicht mit den Mitteln der Vernunft erklären. Ebenso wenig lässt sich Kunst mit der Sprache der Gefühlswelt darstellen. Kunst ist für den Künstler wie für die Betrachter intellektuell und emotional immer etwas sehr Persönliches. Denn Werke werden nicht dadurch zur Kunst, dass sie etwas darstellen, sondern dadurch, dass sie anregen, dass sie uns dem Wortsinne nach etwas zu denken geben und damit Anlass zur Kommunikation sind. Dies gilt in besonderem Maße für eine Ausstellung, die das Gespräch schon im Titel trägt. Dabei ist der Titel „talk-show“ keineswegs eine ironisierende Persiflage auf die Schwemme sinnentleerter „Late-Night-Talks“. Der „Talk“, das „Gespräch“, ist nämlich nicht nur Titel für eine Zusammenstellung von Arbeiten zweier befreundeter Künstler. Die Wechselwirkungen des „Miteinander-Sprechens“ sind vielmehr Programm des Entstehungsprozesses der ausgestellten Arbeiten.

Während Künstler oft als egomanische Selbstdarsteller verschrieen sind, haben Gerlinde Zantis und Michael Dohle nicht einfach nur bereits bestehende Arbeiten für eine gemeinsame Ausstellung ausgewählt und nach ästhetischen Gesichtspunkten nebeneinander gehängt. Vielmehr dokumentiert die Ausstellung einen kommunikativen Arbeitsprozess, der auch in Gemeinschaftsarbeiten seinen Ausdruck findet. Die Worte „talk“ und „show“ sind mithin nicht nur Aufforderung an die Betrachter, sich mit den Arbeiten „sehend“ ins Verhältnis zu setzen, diese mit bereits Gesehenem und mit inneren Bildern abzugleichen, oder mit den Künstlern und den anwesenden Kunstinteressierten ins Gespräch zu kommen. Gespräch und Auseinandersetzung sind vielmehr schon die gezeigten Arbeiten selbst.

Verortet man die Spannung, die die Gemeinschaftsarbeiten und die Ausstellung als Ganzes trägt, nur in der Grundspannung der so unterschiedlichen Medien Fotografie und Zeichnung, geht man allerdings in die Irre. Nicht die Spannung zwischen dem technischen Können eines Fotografen und den manuellen Fertigkeiten einer Zeichnerin steht hier im Mittelpunkt. Was die Gemeinschaftsarbeiten und die Ausstellung als Ganzes trägt, ist vielmehr das „In-Beziehung-Sein“. Der Andere, so heißt es bei Johann Gottlieb Fichte, fordert den Einzelnen dazu auf, „Ich“ zu werden. Das Gegenüber, dessen Widerständigkeit, zwingen das Individuum, sich die Frage nach sich selbst zu stellen. Nur am Anderen kann sich Subjektivität ausbilden. In der Auseinandersetzung mit dem Anderen wird das Individuum sich nicht nur seiner selbst bewusst, sondern als „zoon politicon“, wie Aristoteles es ausdrückt, wird der Einzelne erst zu dem, was wir mit Subjekt meinen. Mensch, so kann man es in der hier gebotenen Kürze zusammenfassen, wird das „politische Tier“ erst und nur in der Auseinandersetzung mit dem Anderen. Das „In-Beziehung-Sein“ mit anderen Menschen ist sozusagen nicht nur die Urszene des Politischen, sondern des Mensch-Seins überhaupt.

Das Anregende und Spannende an den gezeigten Arbeiten ist also nicht die Differenz um der Differenz willen, nicht das Sichtbarmachen des Unterschieds zweier Sichtweisen, sondern das Verbindende von Differenz, das heißt die Kommunikation anlässlich und über Differenz.

Gegensätze und Unterschiede, auch die zwischen Männern und Frauen, haben nur dann etwas Verbindendes, wenn sie das „In-Beziehung-Sein“, wenn sie die Auseinandersetzung befördern. Gerlinde Zantis und Michael Dohle ist mit Ihrer Ausstellung im Allgemeinen und den Gemeinschaftsarbeiten im Besonderen das gelungen, was ich als „Denken aus der Mitte“ bezeichnen möchte. Gleichwohl es viele Berührungspunkte gibt, gleichwohl von einer gemeinsamen Mitte, einer Schnittmenge ausgegangen wird, bleibt doch jeder unverkennbar er selbst, entwickelt jeder ausgehend vom und in Auseinandersetzung mit dem Anderen, seine je ganz persönliche Bildsprache. In all ihrer Unterschiedlichkeit sind die Arbeiten doch aufeinander bezogen. Nicht Konkurrenz oder falsch verstandene Harmonie bestimmen den Bildaufbau der Gemeinschaftsarbeiten und die Hängung der Ausstellung, sondern gegenseitiges Aufeinander-Verwiesen-Sein. Dies nicht trotz, sondern aufgrund von Distinktion. Dass gelungene Kommunikation zwingend in Einigkeit und Gleichheit endet, ist ein weit verbreiteter Irrtum. Wo es keine Differenzen, keine unterschiedlichen Sichtweisen mehr gibt, herrscht nur noch betretenes Schweigen. Worüber sollen wir uns auch austauschen, wenn wir alle gleicher Meinung sind? Wie vom Anderen lernen, wenn dieser unsere Ansichten früher oder später sowieso teilen wird? Gelingende Kommunikation heißt nicht überreden oder überredet werden. Ein Gespräch, eine Auseinandersetzung ist dann fruchtbar, wenn man die Sichtweise und Begründungen des Gegenüber verstehen lernt. Ob man sich diese dann zu eigen macht oder Differenzen und gar Widersprüche unaufgelöst stehen lässt, ist dabei unerheblich.

Und was könnte der Differenz und der Spannung mehr bedürfen als Kreativität? Kunst, so könnte man es unter Verwendung hegelscher Diktion formulieren, ist das Verbindende der Differenz in Werke gefasst. Entsprechend sind auch die Gemeinschaftsarbeiten von Gerlinde Zantis und Michael Dohle voller spannungsgeladener Differenzen: Einem ländliche Ruhe und menschenleere Einsamkeit ausstrahlenden, fast monochromen Foto eines Sendemasts wird eine Pastellzeichnung gegenübergestellt, die dominant eine menschenleere, zu einem Gehöft führende Straße unter einem dramatischen Himmel zeigt. Der Bildaufbau lässt für den Betrachter nur die menschliche Behausung als Ziel für einen möglichen Reisenden zu. Eine Abzweigung, ein Ausweg ist nirgends zu erkennen, ein Wegweiser nicht vonnöten. Demgegenüber zeigt die Fotografie unter den zum Betrieb der Kommunikationstechnik erforderlichen Stromleitungen einen Schilderwald, der Reisenden auf einer nur im Ansatz sichtbaren Straßenkreuzung den Weg weist. Ein technisch funktionaler Sendemast, der Einsamkeit überwinden helfen soll, zumeist aber innere Distanz und Entfernung nur noch bewusster macht, steht in Wechselwirkung mit prominenten Kaminen, die für menschliche Nähe und Wärme stehen.

Verstärkt wird der Eindruck der Unbehaustheit des Menschen, der Konflikt zwischen Natur und Kultur auch durch die Einzelarbeiten. Keines der Bilder zeigt einen Menschen, gleichwohl zumeist Spuren von Menschen vorhanden sind. Baumstämme sind nicht einfach übereinander gefallen, sie wurden gestapelt. Die Steine für die mäandernden „Steinflüsse“ wurden mühselig von Bauern aus den Feldern geklaubt und dienen zum Teil als Feldbegrenzungen. Die schwarzen, leeren Augenhöhlen gleichenden Fensteröffnungen der Pastelle und Farbstiftzeichnungen haben keine Vorhänge, keine Fensterläden, ja nicht einmal Glasscheiben meint man zu erkennen. Selbst die Türöffnungen sind nur schwarze, lichtleere, höhlengleiche Öffnungen ohne Türen. Die Häuser wirken unbewohnt, gleichwohl sie nicht verrottet oder verfallen sind. Selbst in den warmen Gefilden Südfrankreichs mag man sich Behausungen ohne Fenster und Türen, die die Trennung von Außen und Innen aufweichen, nicht vorstellen. Wie soll man sich in Privatheit zurückziehen, wenn man die Öffnungen zum Draußen nicht verschließen kann – und sei es nur mittels durchsichtiger Glasscheiben?

Die gezeichnete Außenansicht eines solchen Hauses ist in einer der Gemeinschaftsarbeiten einem Foto mit einer Innenansicht gegenübergestellt, deren Schattenfall sich mit der Falllinie des Daches des Pastells verbindet. Doch die Innenansicht lässt im Lichtfall Fensterkreuze mit Scheiben erkennen, die in der Außenansicht nicht zu sehen sind. Der Verlauf der Bodenbewachsung auf dem Pastell verbindet sich scheinbar bruchlos mit der Übergangslinie zwischen Boden und Wand des Innenraums auf dem Foto, dem Winkel zwischen Vertikale und Horizontale. Aber sind es wirklich Innen und Außen des gleichen Hauses? Die umbauten Räume scheinen ihrer Funktion entkleidet. Die Häuser wirken weder wohnlich noch bewohnt. Der an Stallungen gemahnende Innenraum mit dem gestampften Lehmboden hat scheinbar schon länger keinem Nutzvieh mehr Schutz geboten.

Die Verwirrung um die Behausungen, um Kultur und Natur, um Innen und Außen, wird in der Gemeinschaftsarbeit, die als Tryptichon aufgebaut ist, auf die Spitze getrieben. Einem Pastell, das eine Wellblechhütte auf einem Strand zeigt, werden Fotografien beigestellt, die Gegenstände der Inneneinrichtung wie Stühle und Beistelltische auf dem Strand beziehungsweise im anlandenden seichten Wasser der Flut zeigen. Die rechte Fotografie wird vom Symbol der Trennung zwischen Innen und Außen, von einer großen weißen Tür beherrscht. Das Bauteil, dessen Öffnung beziehungsweise Schließung darüber entscheidet, ob eine Schwelle übertreten werden kann oder nicht, steht ohne Zarge und Schwelle aufrecht vor leerer Weite. Welche Grenze wird hier markiert? Was soll von was getrennt werden? Tritt man vom Strand aus durch die Tür in das Außen der See oder betritt man vom Meer her, vom Außen grenzenloser Ferne, den Innenraum des Strandes?

Gleichwohl die Gemeinschaftsarbeiten auf eine gemeinsame Platte aufgezogen wurden, sofern es das Format zuließ, stoßen die aufgezogenen Blätter nicht direkt aneinander, wahren einen Abstand. Unzweifelhaft aufeinander bezogen, sind sie doch nicht eins. Einheit bleibt so Spannung, Unterschiedliches wird nicht in eins aufgelöst und ist doch Gemeinsamkeit: Eine Gemeinsamkeit, die Verschiedenheit nicht nur erträgt, sondern nutzbar macht.

Das Wechselspiel von Nähe und Ferne, von Innen und Außen der ausgestellten Arbeiten gleicht dem, was der Tübinger Philosoph Walter Schulz Metaphysik des Schwebens nannte. Ohne gefragt worden zu sein, unvermittelt in die Welt geworfen, schwebt der Mensch unaufgelöst zwischen dem Bedürfnis nach Weltbindung und dem Drang nach Transzendenz und Weltferne. Von vornherein, solchermaßen quasi transzendental unbehaust, ist der Mensch immer schon gezwungen Sinn zu machen, sich selbst und seine Sicht von Welt sinnhaft zu gestalten. Die transzendentale Obdachlosigkeit des modernen Menschen, die Georg Lukaçs in seiner Theorie des Romans konstatiert, lässt sich nur mit uns selbst anfüllen. Sie ist erträglich nur in einer Auseinandersetzung, die sich um ein „Denken aus der Mitte“ bemüht. Ein solches Denken wertet nicht, sondern versteht den beziehungsweise das Andere, als Teil dessen, der das Ich ausmacht. Das Innen konstituiert sich durch das Außen und umgekehrt. Um überhaupt von einem Ich und von Anderem sprechen zu können, bedarf es der paradox anmutenden Definition einer Grenze zwischen Innen und Außen, zwischen Subjekt und Welt, die nicht ausgrenzt, sondern als Grenze Verbindung schafft. In Bezug auf Subjektivität kann Einheit also nur verstanden werden als immer schon in Vielheit, sprich im Anderen gründend. Geprägt ist ein solches Denken durch Achtsamkeit und Wertschätzung. Ästimatives Denken heißt, das oder der Andere wird nicht vereinnahmt, wird nicht zum Gleichen, sondern bleibt Anderes, wird Einheit nur im Gespräch, im Talk – in der „Talk Show“, zu der Sie, meine Damen und Herren, geladen sind.

Herzlichen Dank

© der blaue reiter Verlag für Philosophie Siegfried Reusch e. K.

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www.philosophischeveranstaltungen.de


Wolfgang Becker

Niedagewesen – Neverbeenthere
Zu den neuen Arbeiten von Gerlinde Zantis

Sie gehört zu jenen, die glauben, nur eins richtig gut zu machen: nicht fotografieren, nicht tanzen, nicht Klavier spielen, nicht malen, aber zeichnen, mit Farbstiften auf Papier zeichnen. Seit 1989 stellt sie kleine und große Zeichnungen als Bilder aus, nicht als Studien oder Vorzeichnungen zu anderen Werken, sondern als endgültige Artefakte. Punktum.
Nicht das Licht hat diese Blätter gezeichnet, sondern sie selbst. Es sind keine Fotografien, obwohl sie ihnen gleichen. Aber im Streiflicht schimmern das Blei und die Farbpigmente, die die Stifte zurückgelassen haben. Zwischen der Ansicht und dem Bild sind keine Kamera, kein Negativ, kein Bildschirm.
Denken wir uns den Fotografen als extrovertierten Beobachter, der sich von inneren Bildern befreit, um äußere aufzunehmen. Ihm steht jener Zeichner gegenüber, dem der Kopf über den Arm in die Finger hinein jene Bilder seines Zustandes – des Geistes, der Seele – sendet, für die er in seinem Sichtfeld Entsprechungen finden soll. Gerlinde Zantis´ Kopf findet nicht die Verlorenheit im unendlichen Meer, nicht die Erhabenheit der Berggipfel, nicht die Stille des Schnees oder das Tosen der Stürme. Sie findet das – so ein Bildtitel – „Niedagewesen“ – einen denkwürdigen Zustand.
Die Zeichnerin scheut nicht den Umgang mit der Fotografie, Michael Dohle, der Freund, mit dem sie Landschaften entdeckt und Ergebnisse ihrer Reisen gemeinsam ausstellt, ist aber unter den Fotografen nicht jener Extrovertierte, der dem Zeichner gegenüber steht, sondern eher der Introvertierte, der – sozusagen – mit der Kamera zu zeichnen versucht.
Unter den bildnerischen Techniken ist das Zeichnen die älteste, spröde und karg, scheinbar ungeeignet, die Fülle der Wirklichkeit sinnenhaft wiederzugeben; eine Art von Schreiben, die das Kürzel, das Zeichen, die bedeutungsvolle Quintessenz eines Bildes sucht. Folglich gewinnt jedes Detail einen gesteigerten Wert, wenn eine Zeichnung die Welt reproduziert.
Gerlinde Zantis zeichnet nicht, wie ihre Ahnen seit Jahrhunderten gezeichnet haben. Sie ist nicht stolz auf die Schönheit von Linien. Man wird in den meisten Zeichnungen keine finden. Sie sind vom Staub der Farbpigmente zugedeckt, der durch das Reiben von Stiften, Radierern, Fingern über das Blatt verteilt worden ist. Die Oberflächen scheinen schwarz zu sein, aber im Schwarz vibrieren blaue, braune und grüne Partikel. So haben wenige vor ihr gezeichnet.
Die Welt im Kopf der Gerlinde Zantis blendet nicht so, dass sie Mühe hat, die Augen zu öffnen. Sie ist nicht von der Sonne, sondern vom Mond beschienen. Es kommt zwar vor, dass sie Landschaften mit kräftigen Schlagschatten, die im hellen Sonnenlicht entstehen, in ihren Skizzenbüchern festhält und auf dem großen Papierbogen in nächtliche Ansichten verwandelt, aber meistens beherrscht sie der Ehrgeiz, im nächtlichen Dämmer Kiesel für Kiesel, Zweig um Zweig zu umkreisen und tastend zu empfinden, dass das silberne Licht des Mondes den Wanderer verleitet, Raum anders wahr zu nehmen als am Tag.
In der Abfolge der Blätter zieht Gerlinde Zantis den Betrachter in das Drama des Zeichnens bei zunehmender Dämmerung in den annähernd zwei Stunden zwischen Zwielicht und Dunkelheit. Helle Mondnächte sind Festtage, Geschenke der Natur.
Die Titel der meisten Blätter sind Ortsangaben; wenige verweisen auf Hergenrath bei Aachen und auf Cadzand an der niederländischen Küste, die meisten auf Orte in der Bourgogne in der Mitte und im Languedoc-Roussillon, im Süden Frankreichs – unbedeutende, unbekannte, offenbar einsame Orte in gering besiedelten Landschaften. Es gibt große Häuser und Höfe in Tintury-Fleury und Savoyeux, kunstlose Zweckbauten, Scheunen mit Wellblechfassaden. Die Gleichgültigkeit der Zeichnerin gegenüber dem ästhetischen Ausdruck der Gehöfte scheint grenzenlos. Ihre Energie hat sie ganz den Bildern gewidmet und gar nicht dem, was sie darstellen.
Das Dämmerlicht lädt Gespenster ein. Solche Ansichten wurden zuweilen in B-Filmen in Hollywood produziert, indem man bei Tageslicht gefilmte Szenen ausfilterte: „American Night“.
Häuser, fest auf die Erde und gegen den bewegten Himmel gesetzt, scheinbar unbewohnt von Menschen und Tieren, scheinbar leer in aufgeräumten Höfen – der Betrachter steht vor melancholischen Stillleben, die in der Verlorenheit ihrer Motive ergebenes Einverständnis mit der Welt tragen.
In einem dieser Bilder aus Tintury-Fleury führt ein Fußpfad in die Tiefe zur geduckten Scheune. Der gekurvte, geschwungene Pfad als Feldweg oder Straße ist ein beherrschendes Motiv in vielen Bildern der Gerlinde Zantis. Aber nur hier führt er zu einem Haus und nicht in eine offene Ferne. Vor den Bildern sitzt sie mit ihrem Skizzenblock, den Betrachter im Rücken, und zieht seinen Blick in die Tiefe. Wenige Blätter sind aus größerer Höhe entstanden (vom Dach des Autos), einige aus so tiefer Sicht, dass sie zu knien scheint. Es ist so einsam dort, dass sie mitten auf dem Weg ohne Angst verharren kann.
Es gibt keine Angst oder Unsicherheit in den Bildern der Gerlinde Zantis. Die Wahrnehmung der Welt mit Hilfe der Zentralperspektive ist noch ebenso möglich wie die Verehrung jener alten Meister, die sich vor ihr der Betrachtung des Mondes gewidmet haben. Angst, Lärm, Gedränge sind Elemente der Großstadt, der Moderne. Gerlinde Zantis sucht die Einsamkeit, die Stille, das Mondlicht, die Nacht. Ich habe in ihren Zeichnungen nicht einen Menschen, allenfalls ein vorbeihuschendes Tier gefunden, die ihr dabei Gesellschaft leisten.
Der breite Weg im Bild „Von der Terrasse“ beginnt am linken unteren Rand, zieht in einem großen Bogen um ein dichtes Waldstück weit in die rechte Hälfte, dreht sich dann hinter den Bäumen nach links und verschwindet. Doch meistens beginnt der Weg am unteren Rand, füllt ihn häufig ganz aus und zieht sich dann in die ferne Tiefe – zuweilen über eine Schwelle vor dem Horizont, die hell im Mondlicht steht. Ist der Weg von Baumwipfeln überschattet, so löst sich das Mondlicht in Flecken auf, die auf dem Boden tanzen.
Gerlinde Zantis erkannte ihre beschränkten Möglichkeiten als Zeichnerin, Lichtflecken, die auf dem Boden tanzen, festzuhalten. Vor zwei Jahren begann sie Versuche mit Pastellkreiden. Mit diesen dicken Stiften kann sie reine Pigmente leichter und dichter auf raue Papiere auftragen. Die Oberflächen wirken bestäubt und bleiben sehr berührungsempfindlich. Aber sie leuchten ungleich stärker, und jeder, dem die ersten Versuche gelungen sind, wird verführt werden, im nächsten Schritt den Pinsel zur Hand zu nehmen und zu malen.
Greift ein Maler zu Pastellstiften, so wird er mit ihnen malen. Gerlinde Zantis gibt nicht auf, mit ihnen zu zeichnen, Lichtflecken zurück zu verwandeln in die Steine am Wegrand, die sie sichtbar machen – ein erstaunlicher Disput zwischen der dicken Kreide und der energischen Hand, die sie führt.
In fast allen Bildern beginnen die Wege dort, wo die Zeichnerin steht. Sie blickt auf einen Weg, ihren Weg, den Weg, den sie abschreiten wird. Sie widmet diesem Weg weit mehr Aufmerksamkeit als nötig ist, um seine Begehbarkeit zu prüfen. Der Weg durchschneidet nicht eine Landschaft, er selbst ist Landschaft, die Spur, die Menschen gesetzt haben wie jene Häuser in Tintury-Fleury. Von ihm strahlt zugleich eine große Selbstverständlichkeit wie die Melancholie dessen aus, der nicht zu fragen wagt, was ihn am Ende des Weges erwartet. Er kann nur sagen: Niedagewesen. (Meindert Hobbema hätte sich nicht getraut, seine berühmte Allee von Middelharnis ohne Kirchturm enden zu lassen.)
Aachen, im Oktober 2011


Kirsten Schwarz, M.A., Freie Kunsthistorikerin, Siegen

Einführung zur Ausstellung “In Betrachtung des Mondes”
Art Galerie Siegen, 6.11.2011

Gerlinde Zantis ‚In Betrachtung des Mondes‘
Das Mondlicht verändert unsere Welt. Fasziniert betrachten wir unsere alltägliche Umgebung in einer klaren Vollmondnacht, setzen alles als bekannt voraus, jedes Ding ist an seinem Platz und doch erscheint alles mystisch und geheimnisvoll. Schwarze Schatten verdunkeln harmlose Ecken und Kleinigkeiten rücken vom Mondlicht beschienen plötzlich in den Focus der Aufmerksamkeit. Die Dinge bekommen ein anderes Gewicht. Lange Schlagschatten verunklären die Gegenstände, von denen sie ausgehen, und tausendmal gegangene Wege erscheinen verändert und lassen unsere Schritte zögern. Die Faszination des Mondes war schon immer groß, er war Jahrtausende lang das einzige Licht in der Nacht, zugleich erschreckte die Metamorphose der Dinge im Mondlicht den Menschen.
Gerlinde Zantis ist ebenfalls fasziniert vom Mondlicht, vom Zwielicht und der Dämmerung. Das langsame Verblassen der Farben und die Auflösung aller Konturen ziehen sie immer wieder in ihren Bann und lassen wundervolle, atmosphärisch dichte Zeichnungen entstehen. Die Landschaften sprechen für sich, Menschen kommen nicht vor. Dass es sich um Zeichnungen handelt, erkennt man erst auf den zweiten Blick. Zu dominierend ist das Malerische in Zantis Pastellen und Buntstift –Studien. Die Linie als klassisches Merkmal der Zeichnung findet sich nicht mehr, alles ist Raum und Fläche, Licht und Schatten. Gerlinde Zantis arbeitet stilistisch in einem Grenzbereich zwischen Malerei und Zeichnung, sie malt mit dem Stift. Sie schätzt diese Art zu arbeiten, möchte gar nicht zum Pinsel greifen. Das Unmittelbare der Zeichnung und das Haptische des Pastells, das mit den Fingern verwischt und gemischt wird, sind ihre Stilmittel. Malen mit den Fingerspitzen. Sie hat die zarten Übergänge und Nuancen der Farbgebung, die dem Pastell eigen sind, perfektioniert, um besondere malerische Dichte und einen fast übernatürlichen Realismus zu erreichen.
Gerlinde Zantis beginnt mit Skizzen vor Ort, um direkte Eindrücke einzufangen, in der Dämmerung beginnend, um dann gespannt zu verfolgen wie aus der blauen Stunde das silberne Licht des Mondes wird. Das Hingeworfene, der flüchtige Strich charakterisieren diese Zeichnungen, denn der Moment wartet nicht. Die eigentliche Werkzeichnung erfolgt dann im Atelier, wochenlang arbeitet sie an den großformatigen Werken, deren Lichtführung sie aus dem Gedächtnis zeichnet. Die Komposition ist den Skizzen angelehnt und die Details werden stimmig in diese eingefügt, es handelt sich also nicht um fotorealistische Nachahmungen, sondern um Impressionen, welche dem künstlerischen Gestaltungswillen von Gerlinde Zantis unterworfen werden. Alle hier gezeigten Arbeiten zeigen Orte in Frankreich, doch es fehlen jegliche Erkennungsmerkmale. Es sind lakonische, öde Orte ohne einen besonderen Reiz. Dieser wird ihnen erst durch die Erscheinung im Mondlicht verliehen. Es geht Gerlinde Zantis um Erscheinungen, Stimmungen, den Zauber des Lichts, nicht um Genauigkeit in der Abbildung. Gerade die Auflösung der Konturen der Gegenstände in der Dämmerung und die Tiefe der Schatten verleihen Dingen eine Aura, die die Helle des Sonnenlichtes nicht zulässt.
Wege sind ein immer wiederkehrendes Motiv, Wege, auf die lange Schatten fallen, die im silbernen Mondlicht aufleuchten und in die Landschaft führen. Sie ziehen den Betrachter ins Bild, zeigen ihm eine Richtung in der Undurchdringlichkeit der Schattenwelt. Einfache Hütten, reine Zweckbauten, die sich in der kultivierten Landschaft immer wieder finden, sind ein weiteres Motiv der Künstlerin, auch sie werden im Mondlicht veredelt. Der sparsame Einsatz von Farben, welche in der Nacht gedämpft werden, aber nicht ausgeschaltet, erhöhen den Reiz der Zeichnungen. Es handelt sich eben nicht um Schwarz-Weiß-Arbeiten, Gerlinde Zantis verwendet die Lokalfarben, um verschiedenste Grautöne lebendig werden zu lassen. Der Betrachter entdeckt Grün–,Blau- und Rosatöne, mit aufgesetztem Weiß erzielt die Künstlerin zarte und gebrochene Akzentuierungen.
In den Details erkennt man schließlich das Wesen der Pastellzeichnung, ihre samtig-matte Oberfläche und die pudrige Konsistenz der Pigmente. Das Pastell ist eine äußerst fragile Technik, die Gerlinde Zantis in all ihren Nuancen beherrscht. Gerlinde Zantis erlaubt sich ein Arbeiten entgegen dem Zeitgeis. So ist die Gegenwarts-Zeichnung oft geprägt von Vereinfachungen, schnellem Strich und der Abstraktion der Dinge. Sie dagegen zeigt Fülle, es sind Bilder, die zu Ende gezeichnet wurden. Sie widersprechen dem Vorläufigen, Unabgeschlossenen – eigentlich dem Wesen der Zeichnung. Dies findet man bei Gerlinde Zantis nur in den Skizzen.
Die entstandenen Werke lassen den Geist der Romantik wieder aufleben, aber ohne dessen Dramatik. Mond-und Nachtbilder waren in der Romantik sehr beliebte Sujets, schnell ziehende, pathetische Wolkengebilde gaben den Blick frei auf den zum Sehnsuchtsobjekt mutierten Mond, wie in Caspar David Friedrichs ‚Zwei Männer in Betrachtung des Mondes‘ von 1819. Gerlinde Zantis verweist hier im Titel dieser Ausstellung auf eine Parallele zwischen ihren Werken und denen der romantischen Malerei des 19.Jahrhunderts, doch ist eine gewisse ironische Distanz impliziert. Hier betrachtet niemand den Mond und obwohl er die zentrale Lichtquelle aller ausgestellten Zeichnungen ist, wird er nie dargestellt. Sicher können aber Gerlinde Zantis Werke als im eigentlichen Sinne romantisch begriffen werden. Sie befassen sich mit einer Sache, die den Menschen mit Sehnsucht erfüllt. Einer Sehnsucht nach der Welt des Wunderbaren und Mythischen. Glücklicherweise ist den Menschen die Sehnsucht und das Staunen über die Mysterien der Natur noch nicht abhanden gekommen. Das ‚träumerische Licht und leuchtende Schweigen‘ des Mondes berührt uns bis heute und Gerlinde Zantis gelingt bei der Darstellung seines ‚Silberglanzes‘ das Unmöglich: pure Romantik ohne einen Hauch von Pathos. Sie nimmt den naturmagischen Stimmungen alles Übersinnliche und zeigt uns Momente, deren schlichte Schönheit allein in ihrer Erscheinung liegen.

Kirsten Schwarz, M.A.
Freie Kunsthistorikerin, Siegen


Dr. Christian Stübner

München, Oktober 2009

Bemächtigung
Ich habe einmal vor Jahren im Fernsehen die Bewegungsbilder von Eingeborenen gesehen. Diese hatten die Fähigkeit ausgebildet, sich wie ein Tier zu bewegen, wie ein Zebra, wie eine Antilope. Das ist zunächst einmal ästhetisch und tanztechnisch recht bemerkenswert. Man staunt und bildet sich eine Theorie über die künstlerischen Fähigkeiten dieser Menschen. Erst im zweiten Gedankenschritt wird ersichtlich, dass dieses besondere Können eben nicht einem creativen Einfall geschuldet ist. Die Nachahmung geschieht, um bei der Jagd dem Tier möglichst unbemerkt nahe zu kommen, also die Schussposition zu verbessern.
Es ist eine Bemächtigung. Einen solchen Akt der Bemächtigung empfinde ich auch in Deinen Bildern, besonders in den ersten, die Fabrikanlagen zeigen. Die wirken ja wie Fotographien. Aber – und hier komme ich auf das Beispiel der jagenden “Wilden” zurück – es sind keine Fotographien, sondern sie zeigen in ihrer maltechnischen Vollkommenheit, dass man oder dass Du Dir die Fotographie untertan gemacht hast, Du hast Dich ihrer bemächtigt. Für mich ist das kein Akt der Überheblichkeit, es ist ein humaner Akt. Nicht die Technik beherrscht den Menschen; der Mensch wird nicht zum Sklaven seiner technischen Fähigkeiten.

Individuation
Auf Deinen Bildern hat jeder Grashalm ein Gesicht, ist jeder Stein ein Unikat. Wir sind ja gewohnt und werden auch dazu erzogen, zu abstrahieren, zu deduzieren, und in Deinen Bildern werden wir zur Umkehr eingeladen. Das ist durchaus als ein aktive Leistung des Betrachters zu verstehen, er möchte das Ganze erfassen, wird aber immer wieder durch ausgeformte Details daran gehindert. So kommt es zu einer eigenartigen Oszillation im Wahrnehmen, zu einem permanenten Wechsel von Einzelheit zur Gesamtheit.

Meditative Erfahrung
Die oben beschriebene Oszillation verlangt nach einer Rast, das Auge sucht nach einem “reizarmen” Eindruck, wie der Blick zum Himmel ihn gewährt. Aber auf den Bildern ist kein Himmel. Trotzdem lassen sie im Betrachter nach geraumer Weile Ruhe einkehren. Im Nachsinnen, wie das möglich sein kann: Es ist die innere Wärme dieser Bilder, die zwar dunkel sind, was sie aber nicht unheimlich und bedrohlich werden läßt. Die innere Wärme rührt von einem untergründigen Rot, das auch einigen der Bilder deutlich wahrzunehmen ist.

Heiterkeit
Das alles vollzieht sich in einer Aura der Heiterkeit. Dadurch verschreckt die minutiöse Detailarbeit, die in den Bilder steckt, die lange Herstellungsdauer – fast wie bei Teppichwebern – im Anschauen nicht. Es ist eine fast klösterlich zu nennende Gelassenheit der Zeit gegenüber spürbar, die heiter stimmt. Von der Heiterkeit hast Du, liebe Gerlinde, selbst gesprochen. “Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst!” Schiller

Auszeichnung
Für die Sujets gilt das Merkmal der Auszeichnung. In einer ersten Fassung dieser Betrachtungen habe ich das Wort “Erwählung” verwandt, das ist mir aber eine Spur zu viel. Die Sujets fallen nicht durch Dramatik oder landschaftliche Besonderheit auf. Sie sind aber nicht beliebig. Sie widerstehen der Inflation der Bilder, die uns umgibt, durch die Tatsache, dass es eben dieses Stück Erde tatsächlich gibt, dass die Künstlerin es mehrfach besucht, oft besichtigt hat und so ihr Bild zu einem Dokument wird.


Sylvia Böhmer

Einführung zur Ausstellung ” In Betrachtung des Mondes”
Forum für Kunst und Kultur Herzogenrath am 16.11.2008

Gerlinde Zantis – In Betrachtung des Mondes – Zeichnungen

Gleich zu Beginn, nämlich mit dem Ausstellungstitel werden wir mit einer Irritation konfrontiert:
„In Betrachtung des Mondes“ – Wer betrachtet denn hier den Mond? In Gerlinde Zantis Bildern ist doch kein Mensch zu sehen. Und ist der Mond vorhanden? Hat uns die Dämmerung der Bilder bereits die Wahrnehmung verstellt?
Und noch die zweite Frage: sind das hier wirklich Zeichnungen?
Sowohl in Inhalt wie in Form bringt Gerlinde Zantis uns zunächst ins Grübeln.

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so erscheint, ist Gerlinde Zantis Kunst ganz und gar auf die Gattung „Zeichnung“ bezogen. Farbstifte sind ihre einziges „Handwerkzeug“, das sie zur Gestaltung benutzt; Papier ist der alleinige Bildträger zur Umsetzung ihrer Konzepte. Von Skizzen in kleinerem Format und bis zu großen, für die Präsentation an der Wand gedachten Arbeiten reicht das Spektrum ihres Schaffen.
Nach Ausflügen in andere Medien, sei sie immer wieder zum Zeichnen zurückgekommen, sagt sie. Und auch, dass sie den Druck mit der Hand brauche, das Gefühl, den Stift auf das Papier zu drücken und ihn zu bewegen. Und doch sind in ihren Arbeiten kaum gezeichnete Linien zu erkennen.
Der über das Blatt bewegte Stift verwischt in den meisten Fällen seine Spur.
In den Werken, in denen neben der gezeichneten Linie auch Farbpigmente zum Einsatz kommen, d.h. in das Papier hinein gerieben und mit Spiritus verwischt werden, wirken die Arbeiten haptisch, stofflich, das zeichnerische grenzt an die Wirkung von Malerei.
Was dann entsteht, sind „Farbstaubbilder“ (Wolfgang Becker).
Der Eindruck des Plastischen wird verstärkt, wenn das Papier an eine raue Wand geheftet wird und sich beim Zeichnen in einer Art Frottage deren Untergrund dann durchdrückt.

„Bei mir geht alles über die Linie“, hat sie in unserem Gespräch gesagt. Und die Linie ist es ja, die jede Zeichnung definiert.
Die Ausformung der Linie ist der direkteste Ausdruck der Idee. Seit der Renaissance wurde ihr deshalb auch eine hohe Wertschätzung verliehen, die schließlich zur Anerkennung der Zeichnung als autonomes Kunstwerk und nicht nur als Entwurf für eine andere Gattung, führte. In ihr ist das gesamte kreative Vermögen eines Künstlers innewohnend. Man muss nur eine aus fünf Linien gestaltete Handzeichnung Rembrandts sehen, um das zu verstehen.
In Gerlinde Zantis Werk finden sich beide Anwendungsmöglichkeiten der Zeichnung, die Skizze als Vorbereitung sowie die große Zeichnung als eigenständiges Endprodukt.
Skizzen entstehen zuallersmeist vor Ort, können aber auch im Atelier aufgrund der fotografischen Erinnerung entstehen. Die Skizzen, meist in Reihung auf die Seiten ihrer Skizzenbücher gesetzt, halten die Kompositionsideen der Künstlerin fest. Und dann erfolgt die Auswahl. So kann ein großes Bild aus mehreren, verschiedenen Skizzen zusammengesetzt sein. Alle Freiheiten innerhalb des Gestaltungsvorganges sind möglich. So ist ein Bild wie D 27 II (Schneebild) „komplett erfunden“.

Dennoch ist es ihr immer wichtig, dass der Realitätsanspruch vorhanden ist.
Wenn man so realistisch arbeitet, wie sie es tut, muss jedes Detail in sich stimmig sein. Aber keinesfalls soll der Eindruck eines „fotorealistischen“ Bildes entstehen. Das wäre weit an ihrer Intention vorbeigezielt. Der Betrachter darf nicht beim ersten Blick ein großes Foto zu sehen glauben.
Was Gerlinde Zantis hier mit uns treibt, ist durchaus ein Spiel mit unserer Wahrnehmung. Aber Brüche in der Arbeitsweise und Irritationen des Betrachters sind ihr herzlich willkommen.

Damit sind wir bei der anderen, der eingangs gestellten Frage, nämlich, dass wir offensichtlich nicht sehen, was uns der Titel vorgibt. („In Betrachtung des Mondes“)

Ohne Frage, und auf den ersten Blick ersichtlich: Die Nacht und ihre Lichtquellen interessieren Gerlinde Zantis sehr. Es sind die Dämmerung, die noch Reste des Tageslichtes in sich birgt oder das Licht des aufziehenden Mondes.
Diese Situation des Übergangs, der schwindenden Helligkeit ist von der Stimmung her ein ganz besonderer Moment.
Aber er kann nur solange über das Auge der Künstlerin aufgenommen und vom Kopf in die stiftführende Hand umgesetzt werden, solange Licht vorhanden ist. Wenn Gerlinde Zantis in der Dämmerung arbeitet, bleibt ihr in den vielleicht zwei Stunden die Zeit für 5 oder 6 Skizzen. Je weiter die Dunkelheit fortschreitet, desto abstrakter werden diese Skizzen. Sie arbeitet solange in den Einbruch der Dunkelheit hinein, bis sie den Stift in der Hand nicht mehr sehen kann, es sei denn, es wäre gerade Vollmond.

Hier liegt auch der Grund verborgen, warum es sich bei den Arbeiten von Gerlinde Zantis gar nicht um fotorealistische Bilder handeln kann. Fotografien, aufgenommen mit lichtstarken Objektiven können die Realität der Nacht wiedergeben, aber sie vermögen nicht zu zeigen, was das menschliche Auge nachts zu sehen in der Lage ist. Ich glaube, dass ist eine Erfahrung, die jeder kennt, der Nachtaufnahmen macht.

Aber lassen wir uns nicht täuschen. Die großen Bilder, die Sie hier sehen, sind nicht bei Nacht entstanden. Auch kann die Entdeckung eines besonders reizvollen Landschaftsmotivs ebenso am Tag stattfinden. Ein Landschaftsmotiv, das sie speichert, um es dann in ihrer Vorstellung in ein Nachtstück zu transferieren. Eine Fähigkeit, der eine große Erfahrung mit den nächtlichen Erscheinungsbildern zugrunde liegen muss. Dabei können Details der Vorlage weggelassen oder verändert werden, Kompositionen werden durchgespielt. Diese Arbeitsweise eröffnet viele Möglichkeiten.

In alten Western aus den 1950er und 60er Jahren, bei denen noch mit Technicolor gearbeitet wurde, stand man vor der Frage, wie sollte man die Nachtaufnahmen machen? Der nächtliche Einsatz von Schauspielern und vor allem von Equipment wäre viel zu kostspielig gewesen. So fand man eine Lösung in dem Trick, tagsüber zu drehen und einen Filter vor die Kamera zu setzen, um Nacht zu suggerieren. Die Brillanz von Technicolor sorgte dafür, dass ein tagsüber hellblauer Himmel, „nachts“ dann immer dunkelblau erschien.
Gerlinde Zantis besitzt auch diesen Filter: in ihrem Kopf, in ihrem Erfahrungsschatz. Doch bei ihr ist die Dämmerung nun wirklich grau.
„Kein Sonnenschein, nie“, suggerieren diese Zeichnungen, obwohl die Künstlerin tagsüber häufig bei 30 °C und Sonnenschein gezeichnet hat.

Häufig arbeitet sie auch auf einem Autodach sitzend, um die Situation von oben aus zu sehen, aus dieser Platzierung eine neue Perspektive zu gewinnen.
Der Ausblick von oben auf die weite Landschaft begann literarisch mit Francesco Petracas Besteigung auf den Mont Ventoux im April 1336, und wurde in der deutschen Romantik zur Metapher eines religiös empfundenen Erlebnisses der Unendlichkeit und des Lichts. Bekanntestes Beispiel ist Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“.
Obgleich die Bezüge zur Naturvorstellung der Romantik (künstlerisch-philosophische Richtung des 19. Jh.) bei Gerlinde Zantis nicht zu leugnen sind, ist die Erklärung für ihr Tun ungleich profaner: Direkt am Feldrand sitzend wäre alles viel zu flach und man würde bei einsetzender Dämmerung nichts mehr erkennen können, es sei denn, die Gräser, die direkt ins Blickfeld gelangen.

„In Betrachtung des Mondes“ ist eine Anspielung auf ein weiteres berühmtes Bild von Caspar David Friedrich: „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“, 1819 gemalt, zeigt diese als kleine Gestalten, eingebettet in eine von Felsformationen und knorrigen Bäumen gekennzeichnete Landschaft.

In den Zeichnungen von Gerlinde Zantis werden sie jemanden, der den Mond betrachtet, vergeblich suchen. Ihre Bilder sind immer menschenleer.
Und doch ist der Mensch anwesend in seiner Abwesenheit. Denn er hat Spuren hinterlassen: er hat den Acker abgeerntet und den Traktor gefahren, dessen Reifenprofil sich in die erde drückte, er hat den Zaun am Feldrand eingesetzt und die Schafshütten gebaut.
Neuerdings finden sich in Gerlinde Zantis Motivrepertoire auch „Strommasten“ als Zeichen einer „fortgeschrittenen“ Zivilisation. Man darf gespannt sein, wohin das in den nächsten Bildern noch führen wird.
Es wirkt, als wolle der Mensch dem ewig gleichen Abläufen der Natur ein kleines: “Hier bin ich aber auch“ entgegensetzen.

Stille und Ruhe sind der Künstlerin eine unbedingte Voraussetzung für ihr Arbeiten. Menschen würden dort nur stören. Auch kein Hase ist im Busch versteckt. Ein einziges Mal habe sie in ein Bild eine Mücke reingezeichnet. Die fand man aber nicht!

Umso schöner die kleine Episode, dass, aufgeschreckt durch die Geräusche, die sie machte als sie sich zum Skizzieren einer verlassen geglaubten Schafshütte hinsetzte, plötzlich viele Schafe rausgelaufen kamen. Man mag sich gerne vorstellen, wessen Schrecken vor dem jeweils anderen größer war.
So kann man sagen, die Dämmerung birgt ihre Abenteuer.

Ein Synonym für den Begriff „Dämmerung“ ist das altmodisch erscheinende Wort „Zwielicht“. „Zwielicht“ drückt auf wunderbare Weise jenen Moment des Übergangs am besten aus. Auch die Ambivalenz, mit der das menschliche Gemüt darauf reagieren kann.
Wer Gerlinde Zantis kennt, weiß, dass diese Bilder kein Ausdruck düsterer Stimmungen sind. Im Gegenteil: sie liebt die Nacht und ganz besonders noch bei Vollmond.

Keine Frage, auch für die Dichter ist die Dämmerung, das Zwielicht, ein faszinierendes Sujet. Dem einen macht sie Angst und er sagt, man solle in der Dämmerung dem besten Freund nicht trauen (Eichendorff), der andere kann ihr alle Schönheit abgewinnen, und das ist Goethe.
Mit Ausnahme eines Sees, den er benennt, scheint er die Bilder von Gerlinde Zantis gut gekannt zu haben:

Dämmerung senkte sich von oben,
Schon ist alle Nähe fern;
Doch zuerst emporgehoben
Holden Lichts der Abendstern!
Alles schwankt ins Ungewisse
Nebel schleichen in die Höh;
Schwarzvertiefte Finsternisse
Widerspiegelnd ruht der See.

Nun am östlichen Bereiche
Ahn ich Mondenglanz und –glut,
Schlanker Weiden Haargezweige
Scherzen auf der nächsten Flut.
Durch bewegter Schatten Spiele
Zittert Lunas Zauberschein,
Und durchs Auge schleicht die Kühle
Sänftigend ins Herz hinein.
Aus: Chinesisch-deutsche Jahres- und Tageszeiten, Johann Wolfgang von Goethe