Dr. Christian Stübner


München, Oktober 2009

Bemächtigung 
Ich habe einmal vor Jahren im Fernsehen die Bewegungsbilder von Eingeborenen gesehen. Diese hatten die Fähigkeit ausgebildet, sich wie ein Tier zu bewegen, wie ein Zebra, wie eine Antilope. Das ist zunächst einmal ästhetisch und tanztechnisch recht bemerkenswert. Man staunt und bildet sich eine Theorie über die künstlerischen Fähigkeiten dieser Menschen. Erst im zweiten Gedankenschritt wird ersichtlich, dass dieses besondere Können eben nicht einem creativen Einfall geschuldet ist. Die Nachahmung geschieht, um bei der Jagd dem Tier möglichst unbemerkt nahe zu kommen, also die Schussposition zu verbessern.
Es ist eine Bemächtigung. Einen solchen Akt der Bemächtigung empfinde ich auch in Deinen Bildern, besonders in den ersten, die Fabrikanlagen zeigen. Die wirken ja wie Fotographien. Aber – und hier komme ich auf das Beispiel der jagenden „Wilden“ zurück – es sind keine Fotographien, sondern sie zeigen in ihrer maltechnischen Vollkommenheit, dass man oder dass Du Dir die Fotographie untertan gemacht hast, Du hast Dich ihrer bemächtigt. Für mich ist das kein Akt der Überheblichkeit, es ist ein humaner Akt. Nicht die Technik beherrscht den Menschen; der Mensch wird nicht zum Sklaven seiner technischen Fähigkeiten.

Individuation 
Auf Deinen Bildern hat jeder Grashalm ein Gesicht, ist jeder Stein ein Unikat. Wir sind ja gewohnt und werden auch dazu erzogen, zu abstrahieren, zu deduzieren, und in Deinen Bildern werden wir zur Umkehr eingeladen. Das ist durchaus als ein aktive Leistung des Betrachters zu verstehen, er möchte das Ganze erfassen, wird aber immer wieder durch ausgeformte Details daran gehindert. So kommt es zu einer eigenartigen Oszillation im Wahrnehmen, zu einem permanenten Wechsel von Einzelheit zur Gesamtheit.

Meditative Erfahrung 
Die oben beschriebene Oszillation verlangt nach einer Rast, das Auge sucht nach einem „reizarmen“ Eindruck, wie der Blick zum Himmel ihn gewährt. Aber auf den Bildern ist kein Himmel. Trotzdem lassen sie im Betrachter nach geraumer Weile Ruhe einkehren. Im Nachsinnen, wie das möglich sein kann: Es ist die innere Wärme dieser Bilder, die zwar dunkel sind, was sie aber nicht unheimlich und bedrohlich werden läßt. Die innere Wärme rührt von einem untergründigen Rot, das auch einigen der Bilder deutlich wahrzunehmen ist.

Heiterkeit 
Das alles vollzieht sich in einer Aura der Heiterkeit. Dadurch verschreckt die minutiöse Detailarbeit, die in den Bilder steckt, die lange Herstellungsdauer – fast wie bei Teppichwebern – im Anschauen nicht. Es ist eine fast klösterlich zu nennende Gelassenheit der Zeit gegenüber spürbar, die heiter stimmt. Von der Heiterkeit hast Du, liebe Gerlinde, selbst gesprochen. „Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst!“ Schiller

Auszeichnung 
Für die Sujets gilt das Merkmal der Auszeichnung. In einer ersten Fassung dieser Betrachtungen habe ich das Wort „Erwählung“ verwandt, das ist mir aber eine Spur zu viel. Die Sujets fallen nicht durch Dramatik oder landschaftliche Besonderheit auf. Sie sind aber nicht beliebig. Sie widerstehen der Inflation der Bilder, die uns umgibt, durch die Tatsache, dass es eben dieses Stück Erde tatsächlich gibt, dass die Künstlerin es mehrfach besucht, oft besichtigt hat und so ihr Bild zu einem Dokument wird.

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