Kirsten Schwarz


M.A., Freie Kunsthistorikerin, Siegen

Einführung zur Ausstellung „In Betrachtung des Mondes“
Art Galerie Siegen, 6.11.2011

Gerlinde Zantis ‚In Betrachtung des Mondes‘
Das Mondlicht verändert unsere Welt. Fasziniert betrachten wir unsere alltägliche Umgebung in einer klaren Vollmondnacht, setzen alles als bekannt voraus, jedes Ding ist an seinem Platz und doch erscheint alles mystisch und geheimnisvoll. Schwarze Schatten verdunkeln harmlose Ecken und Kleinigkeiten rücken vom Mondlicht beschienen plötzlich in den Focus der Aufmerksamkeit. Die Dinge bekommen ein anderes Gewicht. Lange Schlagschatten verunklären die Gegenstände, von denen sie ausgehen, und tausendmal gegangene Wege erscheinen verändert und lassen unsere Schritte zögern. Die Faszination des Mondes war schon immer groß, er war Jahrtausende lang das einzige Licht in der Nacht, zugleich erschreckte die Metamorphose der Dinge im Mondlicht den Menschen.
Gerlinde Zantis ist ebenfalls fasziniert vom Mondlicht, vom Zwielicht und der Dämmerung. Das langsame Verblassen der Farben und die Auflösung aller Konturen ziehen sie immer wieder in ihren Bann und lassen wundervolle, atmosphärisch dichte Zeichnungen entstehen. Die Landschaften sprechen für sich, Menschen kommen nicht vor. Dass es sich um Zeichnungen handelt, erkennt man erst auf den zweiten Blick. Zu dominierend ist das Malerische in Zantis Pastellen und Buntstift –Studien. Die Linie als klassisches Merkmal der Zeichnung findet sich nicht mehr, alles ist Raum und Fläche, Licht und Schatten. Gerlinde Zantis arbeitet stilistisch in einem Grenzbereich zwischen Malerei und Zeichnung, sie malt mit dem Stift. Sie schätzt diese Art zu arbeiten, möchte gar nicht zum Pinsel greifen. Das Unmittelbare der Zeichnung und das Haptische des Pastells, das mit den Fingern verwischt und gemischt wird, sind ihre Stilmittel. Malen mit den Fingerspitzen. Sie hat die zarten Übergänge und Nuancen der Farbgebung, die dem Pastell eigen sind, perfektioniert, um besondere malerische Dichte und einen fast übernatürlichen Realismus zu erreichen.
Gerlinde Zantis beginnt mit Skizzen vor Ort, um direkte Eindrücke einzufangen, in der Dämmerung beginnend, um dann gespannt zu verfolgen wie aus der blauen Stunde das silberne Licht des Mondes wird. Das Hingeworfene, der flüchtige Strich charakterisieren diese Zeichnungen, denn der Moment wartet nicht. Die eigentliche Werkzeichnung erfolgt dann im Atelier, wochenlang arbeitet sie an den großformatigen Werken, deren Lichtführung sie aus dem Gedächtnis zeichnet. Die Komposition ist den Skizzen angelehnt und die Details werden stimmig in diese eingefügt, es handelt sich also nicht um fotorealistische Nachahmungen, sondern um Impressionen, welche dem künstlerischen Gestaltungswillen von Gerlinde Zantis unterworfen werden. Alle hier gezeigten Arbeiten zeigen Orte in Frankreich, doch es fehlen jegliche Erkennungsmerkmale. Es sind lakonische, öde Orte ohne einen besonderen Reiz. Dieser wird ihnen erst durch die Erscheinung im Mondlicht verliehen. Es geht Gerlinde Zantis um Erscheinungen, Stimmungen, den Zauber des Lichts, nicht um Genauigkeit in der Abbildung. Gerade die Auflösung der Konturen der Gegenstände in der Dämmerung und die Tiefe der Schatten verleihen Dingen eine Aura, die die Helle des Sonnenlichtes nicht zulässt.
Wege sind ein immer wiederkehrendes Motiv, Wege, auf die lange Schatten fallen, die im silbernen Mondlicht aufleuchten und in die Landschaft führen. Sie ziehen den Betrachter ins Bild, zeigen ihm eine Richtung in der Undurchdringlichkeit der Schattenwelt. Einfache Hütten, reine Zweckbauten, die sich in der kultivierten Landschaft immer wieder finden, sind ein weiteres Motiv der Künstlerin, auch sie werden im Mondlicht veredelt. Der sparsame Einsatz von Farben, welche in der Nacht gedämpft werden, aber nicht ausgeschaltet, erhöhen den Reiz der Zeichnungen. Es handelt sich eben nicht um Schwarz-Weiß-Arbeiten, Gerlinde Zantis verwendet die Lokalfarben, um verschiedenste Grautöne lebendig werden zu lassen. Der Betrachter entdeckt Grün–,Blau- und Rosatöne, mit aufgesetztem Weiß erzielt die Künstlerin zarte und gebrochene Akzentuierungen.
In den Details erkennt man schließlich das Wesen der Pastellzeichnung, ihre samtig-matte Oberfläche und die pudrige Konsistenz der Pigmente. Das Pastell ist eine äußerst fragile Technik, die Gerlinde Zantis in all ihren Nuancen beherrscht. Gerlinde Zantis erlaubt sich ein Arbeiten entgegen dem Zeitgeis. So ist die Gegenwarts-Zeichnung oft geprägt von Vereinfachungen, schnellem Strich und der Abstraktion der Dinge. Sie dagegen zeigt Fülle, es sind Bilder, die zu Ende gezeichnet wurden. Sie widersprechen dem Vorläufigen, Unabgeschlossenen – eigentlich dem Wesen der Zeichnung. Dies findet man bei Gerlinde Zantis nur in den Skizzen.
Die entstandenen Werke lassen den Geist der Romantik wieder aufleben, aber ohne dessen Dramatik. Mond-und Nachtbilder waren in der Romantik sehr beliebte Sujets, schnell ziehende, pathetische Wolkengebilde gaben den Blick frei auf den zum Sehnsuchtsobjekt mutierten Mond, wie in Caspar David Friedrichs ‚Zwei Männer in Betrachtung des Mondes‘ von 1819. Gerlinde Zantis verweist hier im Titel dieser Ausstellung auf eine Parallele zwischen ihren Werken und denen der romantischen Malerei des 19.Jahrhunderts, doch ist eine gewisse ironische Distanz impliziert. Hier betrachtet niemand den Mond und obwohl er die zentrale Lichtquelle aller ausgestellten Zeichnungen ist, wird er nie dargestellt. Sicher können aber Gerlinde Zantis Werke als im eigentlichen Sinne romantisch begriffen werden. Sie befassen sich mit einer Sache, die den Menschen mit Sehnsucht erfüllt. Einer Sehnsucht nach der Welt des Wunderbaren und Mythischen. Glücklicherweise ist den Menschen die Sehnsucht und das Staunen über die Mysterien der Natur noch nicht abhanden gekommen. Das ‚träumerische Licht und leuchtende Schweigen‘ des Mondes berührt uns bis heute und Gerlinde Zantis gelingt bei der Darstellung seines ‚Silberglanzes‘ das Unmöglich: pure Romantik ohne einen Hauch von Pathos. Sie nimmt den naturmagischen Stimmungen alles Übersinnliche und zeigt uns Momente, deren schlichte Schönheit allein in ihrer Erscheinung liegen.

Kirsten Schwarz, M.A.
Freie Kunsthistorikerin, Siegen

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