Talk Show


Eröffnungsrede zur Ausstellung „Talk-Show“ im Kunstverein zu Frechen am 15.3.2013 von Siegfried Reusch, Herausgeber des Journals für Philosophie „der blaue reiter“.

Kunst, meine Damen und Herren, lässt sich nicht mit den Mitteln der Vernunft erklären. Ebenso wenig lässt sich Kunst mit der Sprache der Gefühlswelt darstellen. Kunst ist für den Künstler wie für die Betrachter intellektuell und emotional immer etwas sehr Persönliches. Denn Werke werden nicht dadurch zur Kunst, dass sie etwas darstellen, sondern dadurch, dass sie anregen, dass sie uns dem Wortsinne nach etwas zu denken geben und damit Anlass zur Kommunikation sind. Dies gilt in besonderem Maße für eine Ausstellung, die das Gespräch schon im Titel trägt. Dabei ist der Titel „talk-show“ keineswegs eine ironisierende Persiflage auf die Schwemme sinnentleerter „Late-Night-Talks“. Der „Talk“, das „Gespräch“, ist nämlich nicht nur Titel für eine Zusammenstellung von Arbeiten zweier befreundeter Künstler. Die Wechselwirkungen des „Miteinander-Sprechens“ sind vielmehr Programm des Entstehungsprozesses der ausgestellten Arbeiten.

Während Künstler oft als egomanische Selbstdarsteller verschrieen sind, haben Gerlinde Zantis und Michael Dohle nicht einfach nur bereits bestehende Arbeiten für eine gemeinsame Ausstellung ausgewählt und nach ästhetischen Gesichtspunkten nebeneinander gehängt. Vielmehr dokumentiert die Ausstellung einen kommunikativen Arbeitsprozess, der auch in Gemeinschaftsarbeiten seinen Ausdruck findet. Die Worte „talk“ und „show“ sind mithin nicht nur Aufforderung an die Betrachter, sich mit den Arbeiten „sehend“ ins Verhältnis zu setzen, diese mit bereits Gesehenem und mit inneren Bildern abzugleichen, oder mit den Künstlern und den anwesenden Kunstinteressierten ins Gespräch zu kommen. Gespräch und Auseinandersetzung sind vielmehr schon die gezeigten Arbeiten selbst.

Verortet man die Spannung, die die Gemeinschaftsarbeiten und die Ausstellung als Ganzes trägt, nur in der Grundspannung der so unterschiedlichen Medien Fotografie und Zeichnung, geht man allerdings in die Irre. Nicht die Spannung zwischen dem technischen Können eines Fotografen und den manuellen Fertigkeiten einer Zeichnerin steht hier im Mittelpunkt. Was die Gemeinschaftsarbeiten und die Ausstellung als Ganzes trägt, ist vielmehr das „In-Beziehung-Sein“. Der Andere, so heißt es bei Johann Gottlieb Fichte, fordert den Einzelnen dazu auf, „Ich“ zu werden. Das Gegenüber, dessen Widerständigkeit, zwingen das Individuum, sich die Frage nach sich selbst zu stellen. Nur am Anderen kann sich Subjektivität ausbilden. In der Auseinandersetzung mit dem Anderen wird das Individuum sich nicht nur seiner selbst bewusst, sondern als „zoon politicon“, wie Aristoteles es ausdrückt, wird der Einzelne erst zu dem, was wir mit Subjekt meinen. Mensch, so kann man es in der hier gebotenen Kürze zusammenfassen, wird das „politische Tier“ erst und nur in der Auseinandersetzung mit dem Anderen. Das „In-Beziehung-Sein“ mit anderen Menschen ist sozusagen nicht nur die Urszene des Politischen, sondern des Mensch-Seins überhaupt.

Das Anregende und Spannende an den gezeigten Arbeiten ist also nicht die Differenz um der Differenz willen, nicht das Sichtbarmachen des Unterschieds zweier Sichtweisen, sondern das Verbindende von Differenz, das heißt die Kommunikation anlässlich und über Differenz.

Gegensätze und Unterschiede, auch die zwischen Männern und Frauen, haben nur dann etwas Verbindendes, wenn sie das „In-Beziehung-Sein“, wenn sie die Auseinandersetzung befördern. Gerlinde Zantis und Michael Dohle ist mit Ihrer Ausstellung im Allgemeinen und den Gemeinschaftsarbeiten im Besonderen das gelungen, was ich als „Denken aus der Mitte“ bezeichnen möchte. Gleichwohl es viele Berührungspunkte gibt, gleichwohl von einer gemeinsamen Mitte, einer Schnittmenge ausgegangen wird, bleibt doch jeder unverkennbar er selbst, entwickelt jeder ausgehend vom und in Auseinandersetzung mit dem Anderen, seine je ganz persönliche Bildsprache. In all ihrer Unterschiedlichkeit sind die Arbeiten doch aufeinander bezogen. Nicht Konkurrenz oder falsch verstandene Harmonie bestimmen den Bildaufbau der Gemeinschaftsarbeiten und die Hängung der Ausstellung, sondern gegenseitiges Aufeinander-Verwiesen-Sein. Dies nicht trotz, sondern aufgrund von Distinktion. Dass gelungene Kommunikation zwingend in Einigkeit und Gleichheit endet, ist ein weit verbreiteter Irrtum. Wo es keine Differenzen, keine unterschiedlichen Sichtweisen mehr gibt, herrscht nur noch betretenes Schweigen. Worüber sollen wir uns auch austauschen, wenn wir alle gleicher Meinung sind? Wie vom Anderen lernen, wenn dieser unsere Ansichten früher oder später sowieso teilen wird? Gelingende Kommunikation heißt nicht überreden oder überredet werden. Ein Gespräch, eine Auseinandersetzung ist dann fruchtbar, wenn man die Sichtweise und Begründungen des Gegenüber verstehen lernt. Ob man sich diese dann zu eigen macht oder Differenzen und gar Widersprüche unaufgelöst stehen lässt, ist dabei unerheblich.

Und was könnte der Differenz und der Spannung mehr bedürfen als Kreativität? Kunst, so könnte man es unter Verwendung hegelscher Diktion formulieren, ist das Verbindende der Differenz in Werke gefasst. Entsprechend sind auch die Gemeinschaftsarbeiten von Gerlinde Zantis und Michael Dohle voller spannungsgeladener Differenzen: Einem ländliche Ruhe und menschenleere Einsamkeit ausstrahlenden, fast monochromen Foto eines Sendemasts wird eine Pastellzeichnung gegenübergestellt, die dominant eine menschenleere, zu einem Gehöft führende Straße unter einem dramatischen Himmel zeigt. Der Bildaufbau lässt für den Betrachter nur die menschliche Behausung als Ziel für einen möglichen Reisenden zu. Eine Abzweigung, ein Ausweg ist nirgends zu erkennen, ein Wegweiser nicht vonnöten. Demgegenüber zeigt die Fotografie unter den zum Betrieb der Kommunikationstechnik erforderlichen Stromleitungen einen Schilderwald, der Reisenden auf einer nur im Ansatz sichtbaren Straßenkreuzung den Weg weist. Ein technisch funktionaler Sendemast, der Einsamkeit überwinden helfen soll, zumeist aber innere Distanz und Entfernung nur noch bewusster macht, steht in Wechselwirkung mit prominenten Kaminen, die für menschliche Nähe und Wärme stehen.

Verstärkt wird der Eindruck der Unbehaustheit des Menschen, der Konflikt zwischen Natur und Kultur auch durch die Einzelarbeiten. Keines der Bilder zeigt einen Menschen, gleichwohl zumeist Spuren von Menschen vorhanden sind. Baumstämme sind nicht einfach übereinander gefallen, sie wurden gestapelt. Die Steine für die mäandernden „Steinflüsse“ wurden mühselig von Bauern aus den Feldern geklaubt und dienen zum Teil als Feldbegrenzungen. Die schwarzen, leeren Augenhöhlen gleichenden Fensteröffnungen der Pastelle und Farbstiftzeichnungen haben keine Vorhänge, keine Fensterläden, ja nicht einmal Glasscheiben meint man zu erkennen. Selbst die Türöffnungen sind nur schwarze, lichtleere, höhlengleiche Öffnungen ohne Türen. Die Häuser wirken unbewohnt, gleichwohl sie nicht verrottet oder verfallen sind. Selbst in den warmen Gefilden Südfrankreichs mag man sich Behausungen ohne Fenster und Türen, die die Trennung von Außen und Innen aufweichen, nicht vorstellen. Wie soll man sich in Privatheit zurückziehen, wenn man die Öffnungen zum Draußen nicht verschließen kann – und sei es nur mittels durchsichtiger Glasscheiben?

Die gezeichnete Außenansicht eines solchen Hauses ist in einer der Gemeinschaftsarbeiten einem Foto mit einer Innenansicht gegenübergestellt, deren Schattenfall sich mit der Falllinie des Daches des Pastells verbindet. Doch die Innenansicht lässt im Lichtfall Fensterkreuze mit Scheiben erkennen, die in der Außenansicht nicht zu sehen sind. Der Verlauf der Bodenbewachsung auf dem Pastell verbindet sich scheinbar bruchlos mit der Übergangslinie zwischen Boden und Wand des Innenraums auf dem Foto, dem Winkel zwischen Vertikale und Horizontale. Aber sind es wirklich Innen und Außen des gleichen Hauses? Die umbauten Räume scheinen ihrer Funktion entkleidet. Die Häuser wirken weder wohnlich noch bewohnt. Der an Stallungen gemahnende Innenraum mit dem gestampften Lehmboden hat scheinbar schon länger keinem Nutzvieh mehr Schutz geboten.

Die Verwirrung um die Behausungen, um Kultur und Natur, um Innen und Außen, wird in der Gemeinschaftsarbeit, die als Tryptichon aufgebaut ist, auf die Spitze getrieben. Einem Pastell, das eine Wellblechhütte auf einem Strand zeigt, werden Fotografien beigestellt, die Gegenstände der Inneneinrichtung wie Stühle und Beistelltische auf dem Strand beziehungsweise im anlandenden seichten Wasser der Flut zeigen. Die rechte Fotografie wird vom Symbol der Trennung zwischen Innen und Außen, von einer großen weißen Tür beherrscht. Das Bauteil, dessen Öffnung beziehungsweise Schließung darüber entscheidet, ob eine Schwelle übertreten werden kann oder nicht, steht ohne Zarge und Schwelle aufrecht vor leerer Weite. Welche Grenze wird hier markiert? Was soll von was getrennt werden? Tritt man vom Strand aus durch die Tür in das Außen der See oder betritt man vom Meer her, vom Außen grenzenloser Ferne, den Innenraum des Strandes?

Gleichwohl die Gemeinschaftsarbeiten auf eine gemeinsame Platte aufgezogen wurden, sofern es das Format zuließ, stoßen die aufgezogenen Blätter nicht direkt aneinander, wahren einen Abstand. Unzweifelhaft aufeinander bezogen, sind sie doch nicht eins. Einheit bleibt so Spannung, Unterschiedliches wird nicht in eins aufgelöst und ist doch Gemeinsamkeit: Eine Gemeinsamkeit, die Verschiedenheit nicht nur erträgt, sondern nutzbar macht.

Das Wechselspiel von Nähe und Ferne, von Innen und Außen der ausgestellten Arbeiten gleicht dem, was der Tübinger Philosoph Walter Schulz Metaphysik des Schwebens nannte. Ohne gefragt worden zu sein, unvermittelt in die Welt geworfen, schwebt der Mensch unaufgelöst zwischen dem Bedürfnis nach Weltbindung und dem Drang nach Transzendenz und Weltferne. Von vornherein, solchermaßen quasi transzendental unbehaust, ist der Mensch immer schon gezwungen Sinn zu machen, sich selbst und seine Sicht von Welt sinnhaft zu gestalten. Die transzendentale Obdachlosigkeit des modernen Menschen, die Georg Lukaçs in seiner Theorie des Romans konstatiert, lässt sich nur mit uns selbst anfüllen. Sie ist erträglich nur in einer Auseinandersetzung, die sich um ein „Denken aus der Mitte“ bemüht. Ein solches Denken wertet nicht, sondern versteht den beziehungsweise das Andere, als Teil dessen, der das Ich ausmacht. Das Innen konstituiert sich durch das Außen und umgekehrt. Um überhaupt von einem Ich und von Anderem sprechen zu können, bedarf es der paradox anmutenden Definition einer Grenze zwischen Innen und Außen, zwischen Subjekt und Welt, die nicht ausgrenzt, sondern als Grenze Verbindung schafft. In Bezug auf Subjektivität kann Einheit also nur verstanden werden als immer schon in Vielheit, sprich im Anderen gründend. Geprägt ist ein solches Denken durch Achtsamkeit und Wertschätzung. Ästimatives Denken heißt, das oder der Andere wird nicht vereinnahmt, wird nicht zum Gleichen, sondern bleibt Anderes, wird Einheit nur im Gespräch, im Talk – in der „Talk Show“, zu der Sie, meine Damen und Herren, geladen sind.

Herzlichen Dank

© der blaue reiter Verlag für Philosophie Siegfried Reusch e. K.

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