Wolfgang Becker – Niedagewesen


Niedagewesen – Neverbeenthere, Zu den neuen Arbeiten von Gerlinde Zantis

Sie gehört zu jenen, die glauben, nur eins richtig gut zu machen: nicht fotografieren, nicht tanzen, nicht Klavier spielen, nicht malen, aber zeichnen, mit Farbstiften auf Papier zeichnen. Seit 1989 stellt sie kleine und große Zeichnungen als Bilder aus, nicht als Studien oder Vorzeichnungen zu anderen Werken, sondern als endgültige Artefakte. Punktum.
Nicht das Licht hat diese Blätter gezeichnet, sondern sie selbst. Es sind keine Fotografien, obwohl sie ihnen gleichen. Aber im Streiflicht schimmern das Blei und die Farbpigmente, die die Stifte zurückgelassen haben. Zwischen der Ansicht und dem Bild sind keine Kamera, kein Negativ, kein Bildschirm.
Denken wir uns den Fotografen als extrovertierten Beobachter, der sich von inneren Bildern befreit, um äußere aufzunehmen. Ihm steht jener Zeichner gegenüber, dem der Kopf über den Arm in die Finger hinein jene Bilder seines Zustandes – des Geistes, der Seele – sendet, für die er in seinem Sichtfeld Entsprechungen finden soll. Gerlinde Zantis´ Kopf findet nicht die Verlorenheit im unendlichen Meer, nicht die Erhabenheit der Berggipfel, nicht die Stille des Schnees oder das Tosen der Stürme. Sie findet das – so ein Bildtitel – „Niedagewesen“ – einen denkwürdigen Zustand.
Die Zeichnerin scheut nicht den Umgang mit der Fotografie, Michael Dohle, der Freund, mit dem sie Landschaften entdeckt und Ergebnisse ihrer Reisen gemeinsam ausstellt, ist aber unter den Fotografen nicht jener Extrovertierte, der dem Zeichner gegenüber steht, sondern eher der Introvertierte, der – sozusagen – mit der Kamera zu zeichnen versucht.
Unter den bildnerischen Techniken ist das Zeichnen die älteste, spröde und karg, scheinbar ungeeignet, die Fülle der Wirklichkeit sinnenhaft wiederzugeben; eine Art von Schreiben, die das Kürzel, das Zeichen, die bedeutungsvolle Quintessenz eines Bildes sucht. Folglich gewinnt jedes Detail einen gesteigerten Wert, wenn eine Zeichnung die Welt reproduziert.
Gerlinde Zantis zeichnet nicht, wie ihre Ahnen seit Jahrhunderten gezeichnet haben. Sie ist nicht stolz auf die Schönheit von Linien. Man wird in den meisten Zeichnungen keine finden. Sie sind vom Staub der Farbpigmente zugedeckt, der durch das Reiben von Stiften, Radierern, Fingern über das Blatt verteilt worden ist. Die Oberflächen scheinen schwarz zu sein, aber im Schwarz vibrieren blaue, braune und grüne Partikel. So haben wenige vor ihr gezeichnet.
Die Welt im Kopf der Gerlinde Zantis blendet nicht so, dass sie Mühe hat, die Augen zu öffnen. Sie ist nicht von der Sonne, sondern vom Mond beschienen. Es kommt zwar vor, dass sie Landschaften mit kräftigen Schlagschatten, die im hellen Sonnenlicht entstehen, in ihren Skizzenbüchern festhält und auf dem großen Papierbogen in nächtliche Ansichten verwandelt, aber meistens beherrscht sie der Ehrgeiz, im nächtlichen Dämmer Kiesel für Kiesel, Zweig um Zweig zu umkreisen und tastend zu empfinden, dass das silberne Licht des Mondes den Wanderer verleitet, Raum anders wahr zu nehmen als am Tag.
In der Abfolge der Blätter zieht Gerlinde Zantis den Betrachter in das Drama des Zeichnens bei zunehmender Dämmerung in den annähernd zwei Stunden zwischen Zwielicht und Dunkelheit. Helle Mondnächte sind Festtage, Geschenke der Natur.
Die Titel der meisten Blätter sind Ortsangaben; wenige verweisen auf Hergenrath bei Aachen und auf Cadzand an der niederländischen Küste, die meisten auf Orte in der Bourgogne in der Mitte und im Languedoc-Roussillon, im Süden Frankreichs – unbedeutende, unbekannte, offenbar einsame Orte in gering besiedelten Landschaften. Es gibt große Häuser und Höfe in Tintury-Fleury und Savoyeux, kunstlose Zweckbauten, Scheunen mit Wellblechfassaden. Die Gleichgültigkeit der Zeichnerin gegenüber dem ästhetischen Ausdruck der Gehöfte scheint grenzenlos. Ihre Energie hat sie ganz den Bildern gewidmet und gar nicht dem, was sie darstellen.
Das Dämmerlicht lädt Gespenster ein. Solche Ansichten wurden zuweilen in B-Filmen in Hollywood produziert, indem man bei Tageslicht gefilmte Szenen ausfilterte: „American Night“.
Häuser, fest auf die Erde und gegen den bewegten Himmel gesetzt, scheinbar unbewohnt von Menschen und Tieren, scheinbar leer in aufgeräumten Höfen – der Betrachter steht vor melancholischen Stillleben, die in der Verlorenheit ihrer Motive ergebenes Einverständnis mit der Welt tragen.
In einem dieser Bilder aus Tintury-Fleury führt ein Fußpfad in die Tiefe zur geduckten Scheune. Der gekurvte, geschwungene Pfad als Feldweg oder Straße ist ein beherrschendes Motiv in vielen Bildern der Gerlinde Zantis. Aber nur hier führt er zu einem Haus und nicht in eine offene Ferne. Vor den Bildern sitzt sie mit ihrem Skizzenblock, den Betrachter im Rücken, und zieht seinen Blick in die Tiefe. Wenige Blätter sind aus größerer Höhe entstanden (vom Dach des Autos), einige aus so tiefer Sicht, dass sie zu knien scheint. Es ist so einsam dort, dass sie mitten auf dem Weg ohne Angst verharren kann.
Es gibt keine Angst oder Unsicherheit in den Bildern der Gerlinde Zantis. Die Wahrnehmung der Welt mit Hilfe der Zentralperspektive ist noch ebenso möglich wie die Verehrung jener alten Meister, die sich vor ihr der Betrachtung des Mondes gewidmet haben. Angst, Lärm, Gedränge sind Elemente der Großstadt, der Moderne. Gerlinde Zantis sucht die Einsamkeit, die Stille, das Mondlicht, die Nacht. Ich habe in ihren Zeichnungen nicht einen Menschen, allenfalls ein vorbeihuschendes Tier gefunden, die ihr dabei Gesellschaft leisten.
Der breite Weg im Bild „Von der Terrasse“ beginnt am linken unteren Rand, zieht in einem großen Bogen um ein dichtes Waldstück weit in die rechte Hälfte, dreht sich dann hinter den Bäumen nach links und verschwindet. Doch meistens beginnt der Weg am unteren Rand, füllt ihn häufig ganz aus und zieht sich dann in die ferne Tiefe – zuweilen über eine Schwelle vor dem Horizont, die hell im Mondlicht steht. Ist der Weg von Baumwipfeln überschattet, so löst sich das Mondlicht in Flecken auf, die auf dem Boden tanzen.
Gerlinde Zantis erkannte ihre beschränkten Möglichkeiten als Zeichnerin, Lichtflecken, die auf dem Boden tanzen, festzuhalten. Vor zwei Jahren begann sie Versuche mit Pastellkreiden. Mit diesen dicken Stiften kann sie reine Pigmente leichter und dichter auf raue Papiere auftragen. Die Oberflächen wirken bestäubt und bleiben sehr berührungsempfindlich. Aber sie leuchten ungleich stärker, und jeder, dem die ersten Versuche gelungen sind, wird verführt werden, im nächsten Schritt den Pinsel zur Hand zu nehmen und zu malen.
Greift ein Maler zu Pastellstiften, so wird er mit ihnen malen. Gerlinde Zantis gibt nicht auf, mit ihnen zu zeichnen, Lichtflecken zurück zu verwandeln in die Steine am Wegrand, die sie sichtbar machen – ein erstaunlicher Disput zwischen der dicken Kreide und der energischen Hand, die sie führt.
In fast allen Bildern beginnen die Wege dort, wo die Zeichnerin steht. Sie blickt auf einen Weg, ihren Weg, den Weg, den sie abschreiten wird. Sie widmet diesem Weg weit mehr Aufmerksamkeit als nötig ist, um seine Begehbarkeit zu prüfen. Der Weg durchschneidet nicht eine Landschaft, er selbst ist Landschaft, die Spur, die Menschen gesetzt haben wie jene Häuser in Tintury-Fleury. Von ihm strahlt zugleich eine große Selbstverständlichkeit wie die Melancholie dessen aus, der nicht zu fragen wagt, was ihn am Ende des Weges erwartet. Er kann nur sagen: Niedagewesen. (Meindert Hobbema hätte sich nicht getraut, seine berühmte Allee von Middelharnis ohne Kirchturm enden zu lassen.)
Aachen, im Oktober 2011

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