Wolfgang Becker – Zwielicht


Zu den neuen Bildern von Gerlinde Zantis

Seit vielen Jahren lebt Gerlinde Zantis in einem spitzwegischen Hinterhof inmitten der Stadt und arbeitet in einem kleinen, engen, hellen Atelier. Sie scheint sich darin nicht viel bewegen zu müssen, denn sie zeichnet auf Papieren beschränkter Größe und braucht nicht Raum wie ein Maler, der zurücktritt, um sein Bild ganz zu sehen. Aber die Formate sind größer geworden.

Die Chinesen ordnen das Malen mit nassen Pinseln dem weiblichen Yin, das Zeichnen mit „trockenen Pinseln“ dem männlichen Yang zu. Zwischen diesen Gegensätzen sucht Gerlinde Zantis eine merkwürdige Synthese etwa so: indem sie zeichnet, malt sie, oder: sie zeichnet Gemälde. Sie umreißt nicht Formen mit Linien, sie benutzt nicht die Härte des Stiftes, um klare, präzise Umrisse zu setzen, sondern sie reibt die Pigmente, die der Stift und das Kreidestück enthalten, in das Papier, sie schichtet, schabt, radiert und glättet. Zunehmend verwendet sie Pastellkreiden, in denen die Farbpigmente in Kaolin oder Harzen fixiert sind. Sie breiten sich auf den Papieren aus, ohne einzusinken. Die Oberflächen erhalten sich eine ungewöhnliche Empfindlichkeit, und das Licht bricht vielfältig auf den „sandigen“ Oberflächen.

Aber sie ist nicht die sesshafte Einsiedlerin, die zeichnend erfindet oder Träume malt, sie ist eine reisende Landschaftszeichnerin wie viele vor ihr – die Chinesen zeichneten und tuschten ihre pittoresken Ansichten seit alter Zeit auf geschöpfte Papiere, die Europäer zogen mit Zeichenblöcken und Staffeleien, mit Aquarellkästen und, seit Ölfarben in Tuben zu haben waren, mit Klappstaffeleien und Paletten hinaus in das „Great Outdoors“ – ehe sie begannen, Kameras mitzunehmen.

Sie fanden zueinander in Orten wie Fontainebleau und Barbizon in der Ile-de-France, Pont-Aven in der Bretagne oder Varengeville in der Normandie, Dachau in Bayern und Worpswede im Alten Land, in Wäldern und Sümpfen, an Seen und am Meer.
Gerlinde Zantis reist in Burgund, im Roussillon und im Languedoc auf der Suche nach unspektakulären, leeren Landschaften und unvertrauten anonymen Siedlungen in Orten wie Tintury-Fleury, Savoyeux und Barjac (wo Anselm Kiefer eine lange Zeit an einem großen „earthwork“ gearbeitet hat). Ihr Mann begleitet sie und oft der Fotokünstler Michael Dohle, mit dem sie zuweilen ausstellt, um Zeichnungen und Fotografien zu vergleichen.

Sie bildet diese Landschaften nicht ab, um auf ihre Besonderheiten aufmerksam zu machen – wie die Expeditionszeichner des 18. Und 19. Jahrhunderts, die ihre Blätter in großen Alben unter dem Titel „Voyage Pittoresque“ publizierten. Es könnte ihr aber gefallen, die Blätter in einem Museum des Languedoc-Roussillon auszustellen, in denen die Betrachter die ihnen vertrauten Landschaften suchen würden.

Sie würden sie nicht und zugleich würden sie viele finden, die ihnen gleichen. Denn ebenso die in die Tiefe geschwungenen Wege in oder am Rande von Wäldern wie die Schuppen, Scheunen und bis zu drei Stockwerken hohen Häuser könnten an vielen Orten sein. Sie macht keine Bestandsaufnahmen, sondern komponiert Ensembles: wechselt die Perspektiven, zeigt Unter- und Aufsichten (sie schaut auf sie vom Dach ihres Autos) und schneidet sie an. Sie „abstrahiert“, „entleert“ die Ansichten, „beleuchtet“ die Gebäude von hinten, „tüncht“ Bruchsteinhäuser und zögert, irgendeine Spur von Menschen (eine halb geöffnete braune Fensterklappe etwa) zu zeigen. Wir schauen in den Guckkasten einer Bühne, bevor das Stück beginnt.

Die Himmel sind wolkenlos und befremdend hell, widerscheinend bis zu Zwielicht, Dämmerung und Dunkelheit. Gerlinde Zantis hat sich erlaubt, in einem Titel „In Betrachtung des Mondes“ an das bekannte Bild von Caspar David Friedrich „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ zu erinnern – zu erinnern, denn nichts von jener romantischen Feier einer Männerfreundschaft im Angesicht eines kosmischen Schauspiels würde sie übertragen wollen außer jenem Licht – ohne Mond und ohne Menschen in einer leeren Szene.

Der berühmte japanische Dichter Basho schrieb vor 250 Jahren – übersetzt:

„The Moon is in the sky,
But if someone were absent,
The whole scene is empty –
The summer at Suma”

“Der Mond steht am Himmel,
Aber die Gegend ist leer,
Als sei jemand nicht da –
Sommer in Suma“

Der kalifornische Künstler James Turrell meint in einem Film über seine „Skyscapes“, dass das Auge des Menschen, der in Höhlen lebte, sich im Sonnenlicht nur unter Schutzbrillen und erst im Zwielicht ganz öffne, und der Mensch Bilder im Dämmerlicht am stärksten erlebe.

Gerlinde Zantis sucht dieses Dämmerlicht, schärft die Lichtkanten an den Häuserecken, hellt Wetterwände auf, bis sie blenden und setzt die stereometrischen Blöcke der Häuser in einen harten Kontrast zu den Büschen und Gräsern, die sie umgeben – die euklidische Ordnung des Menschen gegen das fruchtbare Chaos der Natur. Dabei entsteht der Eindruck, den Basho beschreibt: diesem Stern fehlt einer, der da war, er ist leer. Gerlinde Zantis nannte eine ihrer Ausstellungen „Nie dagewesen“.

Um das zu verstehen, stelle ich mir den Fotografen, der eine Landschaft aufnimmt, als einen extrovertierten Menschen vor, der sich von inneren Bildern befreit hat, um in der Außenwelt Bilder zu finden, und den Zeichner/Maler als einen introvertierten, der danach sucht, innere Bilder in die Außenwelt zu projizieren, deckungsfähige Äquivalente. Sind diese inneren Bilder der Gerlinde Zantis Sehnsüchte, so sucht sie Bilder der Leere angesichts der Überfüllung der Welt, Bilder der Stille angesichts ihres Lärms, Bilder leuchtenden Dämmers angesichts ihrer andauernden überflutenden Helligkeit. Und weil diese Farbpigmente in den Stiften und Pastellkreiden über der rauen Oberfläche der Papiere liegen, fangen sie Korn um Korn das Licht ein und bilden glitzernde Korpuskeln, die die Landschaften sanft verklären.

Der Tao-Philosoph Zhuangzi lässt Konfuzius sagen: „Ein Mensch vermag sein Spiegelbild nicht in fließendem Wasser zu sehen, aber im stillen Wasser sieht er es.“ Gerlinde Zantis ist 2013 nach Südspanien gereist und enttäuscht zurück gekehrt: die gekälkten Häuser in der Sonne waren zu weiß, Sand und Steine zu farblos. Die Spiegelbilder ihrer Seele sind im Languedoc gefangen, als wäre dort der Mond. Aber sie ist „nie da gewesen“.

Aachen, im November 2013

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